13. Februar 2026, 17:37 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Mit dem Inkrafttreten des Cannabisgesetzes 2024 in Deutschland kam es zu einer Wende. Der Besitz, Anbau und der Konsum von Cannabis sind für Erwachsene unter bestimmten Bedingungen straffrei.1 Doch die Meinungen zu der Droge spalten sich. Während Kritiker vor den gesundheitlichen Risiken eines regelmäßigen Konsums warnen, deuten aktuelle Studiendaten auf positive Effekte hin.2 Nun hat sich eine Studie den Zusammenhang zwischen Cannabiskonsum und der Hirngesundheit bei Erwachsenen angeschaut und kommt zu einem überraschenden Ergebnis – bei welchem offenbar das Alter eine wichtigere Rolle spielt, als man denkt.
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Was macht Cannabis mit dem Gehirn?
Bevor man dieser Frage auf den Grund geht, ist eine kurze Einordnung wichtig. Cannabis gehört zu den Hanfgewächsen und wird seit Jahrhunderten als Nutz-, Heil- und Rauschpflanze verwendet. Einer der wichtigsten Inhaltsstoffe ist Tetrahydrocannabinol, kurz THC genannt. Dieses ist für die berauschende Wirkung von Marihuana und Haschisch verantwortlich. THC wirkt, indem es an spezielle Andockstellen im Gehirn bindet, die unter anderem an Gedächtnis, Lernen, Emotionen und Bewegungsabläufen beteiligt sind. Deshalb steht Cannabis seit Jahren im Fokus der Hirnforschung.3
Frühere Forschung zu Cannabis und Gehirn konzentrierte sich vor allem auf Jugendliche und junge Erwachsene.4 In dieser Lebensphase befindet sich das Gehirn noch in der Entwicklung, weshalb mögliche Auswirkungen besonders kritisch betrachtet wurden. Deutlich weniger bekannt ist dagegen, wie sich Cannabiskonsum auf ein vollständig entwickeltes Gehirn auswirkt.
Genau hier setzt die aktuelle Studie an. Ziel war es, zu untersuchen, welche Zusammenhänge zwischen lebenslangem Cannabiskonsum, der Größe bestimmter Hirnregionen und der geistigen Leistungsfähigkeit bestehen. Analysiert wurden Erwachsene im Alter von 40 bis 77 Jahren, mit einem durchschnittlichen Alter von ca. 55 Jahren.5
Die Ergebnisse fallen anders aus als in früheren Untersuchungen, in denen Cannabiskonsum bei Erwachsenen oft mit einer geringeren Hirnaktivität oder schwächeren kognitiven Leistungen verknüpft war.6 Sie legen nahe, dass sich diese Zusammenhänge mit zunehmendem Alter verändern. Besonders entscheidend ist dabei, in welcher Lebensphase der Cannabiskonsum betrachtet wird.
Gesundheitsdaten von über 26.000 Erwachsenen
Die Wissenschaftler durchsuchten Daten von über 500.000 Probanden in der UK Biobank. Für ihre Studie bezogen sie die Gesundheitsinformationen von 26.362 ein. Für die Analyse wurden Angaben zum Cannabiskonsum, Gehirnscans und Ergebnisse aus Tests zur geistigen Leistungsfähigkeit ausgewertet.
Im Fokus der Analyse standen mögliche Zusammenhänge zwischen Cannabiskonsum und kognitiven Bereichen wie Lernfähigkeit, Verarbeitungsgeschwindigkeit und Kurzzeitgedächtnis.
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Was die Studie für Menschen ab 40 zeigt
Menschen, die im Laufe ihres Lebens Cannabis konsumiert hatten, wiesen in bestimmten Hirnregionen ein etwas größeres Volumen auf als Personen ohne Cannabiserfahrung – insbesondere bei moderatem Konsum. Dazu gehörten hauptsächlich der Hippocampus (wichtig für Gedächtnis und Lernen), die Amygdala (zuständig für Emotionen wie Angst und Stress) sowie das Caudatum und das Putamen, die eine Rolle bei Lernprozessen und Bewegungsabläufen spielen. Auffällig ist, dass es sich genau um Hirnbereiche handelt, die besonders sensibel auf Cannabis reagieren.
Auch bei der geistigen Leistungsfähigkeit zeigten sich Unterschiede. Cannabiskonsum war mit besseren Ergebnissen in bestimmten Bereichen verbunden. Darunter Lernen, Verarbeitungsgeschwindigkeit und Kurzzeitgedächtnis.
Auch früherer Konsum zeigt später noch Zusammenhänge
Ein weiterer Befund: Selbst bei Menschen, die nach eigenen Angaben nur in ihrer Jugend Cannabis konsumiert hatten, konnten im späteren Erwachsenenalter Unterschiede beobachtet werden. Im Vergleich zu Nichtkonsumenten wiesen sie größere Hirnregionen auf und schnitten in einigen Denkbereichen besser ab.
Wichtig ist dabei: Die Studie sagt nicht, dass Cannabiskonsum in der Jugend gut oder harmlos ist. Sie zeigt lediglich, dass sich bei früherem Konsum auch Jahre später noch messbare Unterschiede im Gehirn und bei Denkaufgaben finden lassen. Warum das so ist, lässt sich aus den Daten nicht erklären.
Unterschiede zwischen Männern und Frauen
Die Forscher stellten außerdem fest, dass sich die Zusammenhänge zwischen Cannabiskonsum, Gehirnstruktur und geistiger Leistungsfähigkeit bei Männern und Frauen unterschieden. Das deutet darauf hin, dass biologische Faktoren ebenfalls eine Rolle spielen könnten.
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Eine mögliche Erklärung für das Ergebnis
In einer Pressemeldung diskutieren die Autoren selbst eine mögliche Erklärung für die beobachteten Zusammenhänge.7 Sie verweisen auf das sogenannte Endocannabinoid-System – ein körpereigenes Signalsystem im Gehirn, das durch Cannabis beeinflusst wird und unter anderem an Entzündungsprozessen, Immunfunktionen und altersbedingten Veränderungen beteiligt ist.8
Cannabis greift in dieses System ein, weil seine Wirkstoffe an dieselben Andockstellen binden wie körpereigene Botenstoffe. Die Autoren vermuten, dass darüber Prozesse beeinflusst werden könnten, die im höheren Lebensalter eine größere Rolle spielen – etwa Entzündungen oder der Abbau von Nervenzellen. Möglicherweise könnte dies erklären, warum bei älteren Erwachsenen größere Hirnareale und bessere Ergebnisse in einigen Denkbereichen beobachtet wurden.
Gleichzeitig betonen die Forscher ausdrücklich, dass sich mit dieser Studie nicht beweisen lässt, dass Cannabis diese Effekte verursacht. Zwar liefern die Ergebnisse Hinweise auf mögliche schützende Zusammenhänge im höheren Alter, sind aber kein eindeutiger Wirkungsnachweis.
Grenzen der Untersuchung
Jede Studie hat ihre Grenzen. Auch bei dieser ist es wichtig zu erwähnen, dass die Ergebnisse nur zeigen, dass Cannabiskonsum und bestimmte Veränderungen im Gehirn oft gemeinsam auftreten. Die Studie kann jedoch nicht belegen, dass Cannabis diese Veränderungen auch verursacht. Zudem beruhen die Angaben zum Cannabiskonsum auf Selbstauskünften. Genaue Informationen dazu, wie häufig, in welcher Form oder mit welcher Stärke Cannabis konsumiert wurde, lagen ebenfalls nicht vor. Viele Teilnehmer hatten Cannabis außerdem vor längerer Zeit konsumiert, als sich die Produkte deutlich von heutigen unterschieden.