9. Oktober 2026, 9:12 Uhr | Lesezeit: 8 Minuten
Als „Blue Zones“ werden Orte bezeichnet, deren Einwohner überdurchschnittlich oft gesund ein hohes Alter erreichen. Zu den derzeit bekannten Blue Zones zählen unter anderem Okinawa in Japan, die Nicoya-Halbinsel in Costa Rica, Ikaria in Griechenland, Loma Linda in Kalifornien und ein Gebiet auf Sardinien in Italien. Nun weckte eine weitere Gemeinde auf der italienischen Insel – außerhalb der ursprünglichen sardischen Blue Zone – in diesem Zusammenhang das Forschungsinteresse. In Bolotana, einem kleinen Bergort, zeigte eine Studie ein auffällig günstiges Überleben im hohen Alter. Interessant dabei ist, dass die außergewöhnliche Langlebigkeit vor allem Frauen betrifft.
Es ist wahrscheinlich kein Zufall, dass die Menschen in den sogenannten Blue Zones im Vergleich zu anderen Regionen besonders alt werden und dabei allgemein gesund und zufrieden sind. Dies soll weniger an äußeren Faktoren, wie am Klima, als an der dort gängigen Lebensführung liegen. Man geht davon aus, dass sich die Bewohner der Blue Zones unter anderem zu großen Teilen pflanzenbasiert ernähren und Wert auf ein Leben in Gemeinschaft legen. Außerdem sollen sich die Menschen, anstatt auf intensive Trainingseinheiten zu setzen, im Alltag ausreichend bewegen. Nähere Informationen zu den inoffiziellen Regeln der Blue Zones und ihren möglichen Effekten hat FITBOOK hier für Sie gesammelt.
Studie untersucht Bolotana, Sardinien, als neue Blue Zone
Aufgrund ungewöhnlich günstiger Langlebigkeitsindikatoren galt die Provinz Ogliastra auf der italienischen Insel Sardinien bereits als Blue Zone. Die vorliegende Studie untersuchte nun Bolotana, eine Berggemeinde in der Region Marghine in Zentralsardinien, im Hinblick auf die Langlebigkeit ihrer Bewohner.1 Bolotana liegt rund 110 Kilometer von Ogliastra entfernt.
Das verantwortliche Forscherteam ist auf dem Gebiet alles andere als ein unbeschriebenes Blatt. Studienautor Professor Giovanni Mario Pes etwa ist im Blue-Zone-Kontext ein sehr bekannter Name: Er hat in Zusammenarbeit mit weiteren Wissenschaftlern, von denen einige auch an der aktuellen Untersuchung beteiligt waren, das Prinzip etabliert und den Begriff der „Blue Zones“ geprägt.2
Zeigt auch Bolotana ein Muster außergewöhnlicher Langlebigkeit? Um dieser Frage nachzugehen, untersuchten die Forscher um Prof. Pes das Überleben ab dem 70. Lebensjahr in Bolotana. Sie setzten die Werte mit der italienischen Provinz Nuoro, die sich ebenfalls auf Sardinien befindet, und so auch mit dem Rest Italiens in Vergleich. Konkret betrachteten sie zwei Kennzahlen: die verbleibende Lebenserwartung im Alter von 70 Jahren und die Wahrscheinlichkeit, vom 70. bis zum 100. Lebensjahr zu überleben.
Man sollte erwähnen, dass einer der Studienautoren – Dan Buettner – Eigentümer des Unternehmens Blue Zones, Inc. ist. Dieses ist unmittelbar mit dem Konzept und der Vermarktung von „Blue Zones“ verbunden. Der ebenfalls beteiligte Studienautor S. Jay Olshansky hat laut den Autoren im Zusammenhang mit der Entwicklung eines geplanten „Blue Zone Research Institute“ Beratungshonorare erhalten. Dies muss jedoch nicht bedeuten, dass die Ergebnisse der Studie bewusst beeinflusst wurden.
Details zur Untersuchung
Das Studiendesign war das einer demografischen Beobachtungsstudie. Für ihre Analyse nutzten die Forscher Daten aus Bevölkerungs-, Zivil- und Kirchenregistern. Damit lagen ihnen Informationen unter anderem zum Geschlecht, zu Geburts- und Sterbedaten, zum Wohnort und zum Wanderungsstatus der Bewohner vor, also ob sie ihren Wohnort mal gewechselt haben. Die Autoren berücksichtigten alle Einwohner Bolotanas, die im Zeitraum zwischen 2021 und 2025 70 Jahre oder älter waren – insgesamt 3.138 beobachtete Personenjahre in dieser Altersgruppe.
Die Forscher legten besonderes Augenmerk auf die Hundertjährigen in Bolotana. Schließlich ist es bei einer Untersuchung zu außergewöhnlicher Langlebigkeit wichtig, ein hohes Alter zuverlässig und korrekt zu erfassen. Hierzu verwendeten die Studienautoren die amtlichen Geburtsunterlagen aller identifizierten Hundertjährigen. Zusätzlich wurden bei 97 Prozent der dokumentierten Todesfälle von Hundertjährigen die Einträge aus kirchlichen Archiven überprüft, um die Altersangaben abzugleichen.
Die Forscher erstellten sogenannte Perioden-Lebenstafeln, jeweils für Frauen und Männer. Es handelt sich dabei um statistische Momentaufnahmen – sie bilden die Sterblichkeit innerhalb eines bestimmten Zeitraums ab.
Um die Zuverlässigkeit der Ergebnisse zu überprüfen, wiederholten die Forscher ihre Berechnungen 20.000 Mal, jeweils unter Nutzung leicht veränderter Daten. Und auch darüber hinaus verwendeten sie statistische Modelle zur Überprüfung. In einem weiteren Analyseschritt verglichen sie die Daten vom Zeitpunkt der Erhebung mit einem passenden Zeitraum von vor der Coronapandemie.
Weiterhin interessierte sie, wie häufig Menschen in Bolotana ein besonders hohes Alter erreichten. Sie berechneten dafür den sogenannten „Extreme Longevity Index“ für Personen mit Geburtsjahr zwischen 1900 und 1925 in Bolotana. Von 3060 in diesem Zeitraum in Bolotana Geborenen erreichten 38 das 100. Lebensjahr – was einem Wert von 1242 Hundertjährigen pro 100.000 Geburten entspricht und deutlich über dem italienischen Vergleichswert von 793 liegt.
Ergebnisse
Menschen in Bolotana hatten nach dem 70. Lebensjahr eine vergleichsweise hohe weitere Lebenserwartung, wie die Ergebnisse der Hauptanalyse für die Jahre 2021 bis 2025 zeigten. Männern verblieben ab dem Alter von 70 Jahren im Durchschnitt noch 16,02 weitere Lebensjahre. Bei den Frauen waren es sogar 20,85 Jahre.
Beim Erreichen des 100. Lebensjahres fiel der Unterschied noch deutlicher aus. Die Perioden-Lebenstafel zeigte, dass in Bolotana 4,92 Prozent der 70-jährigen Männer bis 100 weiterlebten – verglichen mit 13,83 Prozent der 70-jährigen Frauen. Der Anteil der Frauen war mehr als dreimal so hoch wie der entsprechende Durchschnittswert für Nuoro, Sardinien und ganz Italien (3,54 Prozent). Wegen der kleinen Einwohnerzahl sind die statistischen Spannen jedoch breit: Bei den Frauen lag das 95-Prozent-Konfidenzintervall für das Überleben bis 100 Jahre zwischen 7,33 und 23,75 Prozent.
Wenn auch weniger deutlich als bei den Frauen, lag auch bei den Männern die verbleibende Lebenserwartung über den zeitgleichen Durchschnittswerten der Vergleichsregionen. Dies galt ebenso für die Wahrscheinlichkeit, das 100. Lebensjahr zu erreichen.
Leben Frauen in Bolotana länger als in offiziellen Blue Zones?
Zusammenfassend heben die Studienautoren aber insbesondere die Frauenwerte hervor. Im internationalen Vergleich lagen Bolotanerinnen bei beiden untersuchten Kennzahlen auf dem zweiten Platz – nur in der Blue Zone Hongkong erreichen die Einwohnerinnen noch höhere Werte. Im Vergleich zu den USA hatten Frauen aus Bolotana dreimal so hohe Chancen, 100 Jahre alt zu werden.
Die Ergebnisse blieben auch bei unterschiedlichen statistischen Berechnungen weitgehend stabil. Bezogen die Forscher beispielsweise das Coronajahr 2020 mit ein, gingen die Werte nur leicht zurück: Hier sank die Lebenserwartung einer 70-jährigen Frau von 20,85 auf 20,37 Jahre und ihre Wahrscheinlichkeit, das 100. Lebensjahr zu erreichen, von 13,83 auf 12,48 Prozent.
Die zeitlich angepasste Analyse für die Jahre 2015 bis 2019 zeichnete allerdings ein abweichendes Bild. In jenem Zeitraum war der Unterschied wesentlich geringer und das zuvor beobachtete hohe Maß an Langlebigkeit in Bolotana weniger stark ausgeprägt. So lag die Wahrscheinlichkeit für Frauen, ab dem Alter von 70 Jahren das 100. Lebensjahr zu erreichen. In den Jahren 2015 bis 2019 bei lediglich 1,46 Prozent und damit sogar unter dem italienischen Durchschnitt. Dies verdeutlicht, wie stark die Ergebnisse in kleinen Gemeinden je nach gewähltem Beobachtungsfenster schwanken können.
Das sind die Trinkgewohnheiten der „Blue Zones“-Bewohner
Der unterschätzte Faktor für ein langes Leben
Bedeutung der Ergebnisse
Bolotana könnte den Beobachtungen aus der Studie nach ein ungewöhnliches Überlebensmuster im hohen Alter aufweisen. Das Ergebnis für die untersuchten Frauen ist dabei besonders bemerkenswert.
Für die Forschung ergeben sich durch die Arbeit interessante weitere Fragen. Die vorliegenden Daten können nämlich nicht beantworten, warum ausgerechnet diese kleine Gemeinde ein derart günstiges Überlebensmuster bei Frauen aufweist – in der Studie wurden demografische Überlebensdaten untersucht, nicht die möglichen Gründe für die Langlebigkeit. Die Autoren nennen als mögliche Erklärungsansätze genetische Faktoren, die Ernährung in Bolotana, körperliche Aktivität, familiäre Unterstützung und sozialen Zusammenhalt – zusammenfassend die bekannten „Blue-Zone-Regeln“. Ob eine oder mehrere dieser Faktoren tatsächlich hinter dem beobachteten Muster stecken, bleibt jedoch offen.
Man sollte trotz allem mit dem Begriff „Blue Zone“ im Zusammenhang mit Bolotana vorsichtig sein. Er steht für Regionen mit außergewöhnlich günstigen Langlebigkeitsmustern. Die Ergebnisse für Bolotana beweisen nicht, dass die Lebenserwartung dort dauerhaft außergewöhnlich hoch ist. Denn wie beschrieben, fielen die Werte in einer Analyse der Jahre 2015 bis 2019 weniger günstig aus.
Einschränkungen
Die Autoren geben an, weder für die vorliegende Studie selbst noch für deren Veröffentlichung finanzielle Förderung erhalten zu haben. Dennoch sollten die oben genannten möglichen Interessenkonflikte, insbesondere die Eigentümerschaft eines Autors an Blue Zones, Inc., bei der Interpretation der Studie berücksichtigt werden.
Eine weitere Einschränkung ist die zeitliche Einordnung der Ergebnisse. Zumal die Analyse für die Jahre 2015 bis 2019 ein deutlich weniger ausgeprägtes Überlebensprofil als die Hauptanalyse zeigte. Auch sollte man bedenken, dass sich die Analysen hinsichtlich der Methodiken teilweise unterschieden. Weil es zu wenige Personen in den einzelnen Altersgruppen gab, um sie separat zuverlässig auszuwerten, haben die Autoren die Probanden jeweils in zwei benachbarte 5-Jahres-Altersgruppen zu einer 10-Jahres-Gruppe zusammengefasst.
Die Autoren selbst räumen ein, dass der Vergleich zwischen Bolotana und der bereits etablierten sardischen Blue Zone in Ogliastra nur eingeschränkt aussagekräftig ist. Denn sie haben die Regionen nicht im gleichen Zeitraum verglichen. Für Bolotana haben sie Daten aus dem Zeitraum zwischen 2021 und 2025 herangezogen, für Ogliastra hingegen lagen Daten aus den Jahren 2015 bis 2019 vor. Vergleicht man beide Regionen im selben Zeitraum (2015–2019), schnitt die ursprüngliche Blue Zone in Ogliastra mit 8,76 Prozent Überlebensrate bei Frauen bis zum Alter von 100 Jahren deutlich besser ab als Bolotana (1,46 Prozent). Daher kann der Vergleich keinen eindeutigen statistischen Beleg für einen Unterschied in der Langlebigkeit liefern. Die Autoren stufen Bolotana daher vorerst nicht als etablierte, sondern als potenzielle Kandidaten-Region („candidate longevity blue zone“) ein.