9. Februar 2026, 16:34 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Wenn Eltern Unterstützung brauchen oder Kinder Zeit mit vertrauten Bezugspersonen verbringen sollen, übernehmen häufig die Großeltern. Schätzungen zufolge leben in Deutschland rund 20 Millionen Großeltern, was einen großen Teil der Menschen im mittleren und höheren Erwachsenenalter ausmacht.1 Umso naheliegender ist die Frage, welche Auswirkungen die Betreuung der Enkelkinder auf die Großeltern selbst hat. Eine neue britische Studie mit fast 10.000 Großeltern ist dieser Frage nachgegangen – mit überraschenden Ergebnissen.
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Warum Enkelbetreuung im Fokus steht
Mit zunehmendem Alter nehmen Gedächtnisleistung und Sprachfähigkeit bei vielen Menschen allmählich ab.2 Diese Veränderungen gelten als normaler Bestandteil des Älterwerdens. Gleichzeitig ist bekannt, dass ein aktiver Lebensstil dazu beitragen kann, diesen geistigen Abbau zu verlangsamen.3 Dazu zählen soziale Kontakte, geistige Anregung und sinnvolle Aufgaben im Alltag.
Die Betreuung von Enkeln vereint viele dieser Faktoren. Großeltern sind dabei häufig aktiv eingebunden. Sie sprechen mit den Kindern, erklären Dinge, organisieren Abläufe und reagieren auf neue Situationen. Frühere Studien haben gezeigt, dass Großeltern, die ihre Enkel betreuen, im Durchschnitt bessere geistige Leistungen aufweisen als Gleichaltrige, die keine Betreuung übernehmen.4,5
Unklar war bislang jedoch, wodurch dieser Zusammenhang zustande kommt. Es blieb offen, ob mögliche Vorteile vor allem davon abhängen, wie häufig Großeltern ihre Enkel betreuen, oder ob es darauf ankommt, was sie während dieser Zeit konkret tun. Ziel der Studie war es dementsprechend, den Zusammenhang zwischen Enkelbetreuung und geistiger Leistungsfähigkeit genauer zu untersuchen.6 Die Ergebnisse zeigen, dass betreuende Großeltern im Durchschnitt bessere Gedächtnis- und Sprachleistungen aufweisen als vergleichbare Großeltern ohne Enkelbetreuung.
Fast 10.000 Großeltern im Vergleich
Für den Vergleich griffen die Forscher auf Daten aus einer großen britischen Langzeitstudie zurück. Über einen Zeitraum von etwa fünf Jahren erfassten sie die geistige Leistungsfähigkeit der Teilnehmenden wiederholt. In die Auswertung flossen die Daten von insgesamt 9860 Großeltern ab 50 Jahren ein, wobei die Forscher je nach Fragestellung unterschiedliche Teilgruppen miteinander verglichen.
Es wurden 2465 Großeltern mit Enkelbetreuung 7395 Großeltern ohne entsprechende Aufgaben gegenübergestellt. Dabei glichen die Wissenschaftler die beiden Gruppen statistisch so ab, dass sie sich hinsichtlich Alter, Bildungsstand, Gesundheitszustand und Lebenssituation möglichst ähnelten. Darüber hinaus berücksichtigten sie in weiterführenden Analysen alle Personen, die im Untersuchungszeitraum zumindest zeitweise Enkel betreut hatten.
Welche Tests wurden mit den Großeltern durchgeführt?
Die Forscher erfassten die geistige Leistungsfähigkeit mit einfachen, standardisierten Tests, die alle Teilnehmer über den gesamten Untersuchungszeitraum hinweg mehrfach absolvierten.
Zunächst prüften sie das Gedächtnis. Dazu hörten die Großeltern eine Liste mit zehn alltäglichen Wörtern und gaben diese unmittelbar danach möglichst vollständig wieder. Nach einer kurzen Pause nannten sie erneut die Begriffe, an die sie sich erinnerten. Aus beiden Abfragen ermittelten die Forscher einen gemeinsamen Gedächtniswert.
Anschließend untersuchten sie die Wortfindung. Die Teilnehmer nannten innerhalb einer Minute möglichst viele Tiere, wobei Wiederholungen nicht zählten. Dieser Test zeigte, wie schnell und flüssig Personen auf gespeicherte Wörter zugreifen konnten.
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Was machten die Großeltern mit ihren Enkeln?
Im Rahmen der Untersuchung hielten die Wissenschaftler genau fest, welche Aufgaben Großeltern bei der Betreuung ihrer Enkel übernahmen. Dabei ging es ausdrücklich nicht um ein pauschales „Aufpassen“, sondern um klar abgegrenzte Tätigkeiten aus dem Alltag.
So machten die Großeltern Angaben dazu, ob sie ihre Enkel über Nacht betreuten, sich um kranke Kinder kümmerten, mit ihnen spielten oder andere Freizeitaktivitäten unternahmen. Zusätzlich berichteten sie, ob sie Mahlzeiten zubereiteten, bei den Hausaufgaben halfen, die Kinder zur Schule oder Kita brachten oder abholten oder lediglich anwesend waren, falls Unterstützung gebraucht wurde. Zu jeder dieser Aufgaben gaben sie außerdem an, wie häufig sie diese übernahmen.
Angaben zu einem festen Alter der Enkelkinder machte die Studie nicht. Die beschriebenen Betreuungstätigkeiten deuten jedoch darauf hin, dass sowohl jüngere Kinder als auch Schulkinder berücksichtigt wurden.
Bessere Gedächtnis- und Sprachleistungen bei betreuenden Großeltern
Die Auswertung der Daten zeigte, dass Großeltern, die ihre Enkel betreuten, im Durchschnitt bessere Ergebnisse bei Gedächtnis und Wortfindung erzielten als gleichaltrige Großeltern, die keine Betreuungsaufgaben übernahmen. Dieser Unterschied ließ sich sowohl bei Großmüttern als auch bei Großvätern beobachten.
In den Daten hing weniger die Menge der Betreuungstage mit besseren Werten zusammen – sondern eher, welche Art von Tätigkeiten Großeltern typischerweise angaben. Es scheint also eher auf die Qualität als auf die Quantität anzukommen.
Zusammenhänge bei aktiven und geistig fordernden Tätigkeiten
Genauer gesagt: Großeltern, die regelmäßig mit ihren Enkeln spielten, gemeinsame Freizeitaktivitäten unternahmen oder bei den Hausaufgaben halfen, erzielten bessere Werte bei Gedächtnis und Sprache. Andere Tätigkeiten, etwa das Zubereiten von Mahlzeiten, das Bringen und Abholen der Kinder oder das bloße Anwesendsein, zeigten schwächere Effekte und betrafen vor allem die Wortfindung.
Der stärkste Zusammenhang zeigte sich bei der Vielfalt der Tätigkeiten. Großeltern, die mehrere unterschiedliche Aufgaben übernahmen, schnitten insgesamt am besten ab.
Beim Blick auf die Entwicklung über den rund fünfjährigen Untersuchungszeitraum zeigte sich zudem ein Geschlechterunterschied. Ein langsamerer geistiger Abbau ließ sich nur bei Großmüttern beobachten. Bei Großvätern war dieser langfristige Effekt in der Hauptauswertung nicht eindeutig nachweisbar. Im Gegenteil: Manche Großväter zeigten im Untersuchungszeitraum sogar eine Veränderung sprachlicher Fähigkeiten.
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Bedeutung der Ergebnisse
Die Ergebnisse zeigen, dass Enkelbetreuung nicht automatisch mit besserer geistiger Gesundheit verbunden ist, sondern dass es auf die Qualität der gemeinsamen Zeit ankommt. Entscheidend ist nicht, wie viele Tage Großeltern auf ihre Enkel aufpassen, sondern ob sie dabei geistig aktiv eingebunden sind.
Tätigkeiten, die Gespräche, Erklären und gemeinsames Nachdenken erfordern, stehen besonders deutlich mit besseren Gedächtnis- und Sprachleistungen in Zusammenhang. Die Studie liefert damit Hinweise darauf, unter welchen Bedingungen Enkelbetreuung für Großeltern förderlich sein kann, ohne sie pauschal als Schutzfaktor darzustellen.
Einordnung der Ergebnisse und mögliche Einschränkungen
Trotz der großen Stichprobe und der mehrjährigen Beobachtung weist die Studie Einschränkungen auf. Da es sich um eine Beobachtungsstudie handelt, lassen sich keine eindeutigen Aussagen über Ursache und Wirkung treffen. Die Ergebnisse zeigen Zusammenhänge, beweisen jedoch nicht, dass die Betreuung der Enkel selbst die geistige Leistungsfähigkeit verbessert.
Nicht ausgeschlossen werden kann zudem, dass geistig fittere Großeltern eher dazu in der Lage sind, ihre Enkel zu betreuen oder vielfältige Aufgaben zu übernehmen. Persönliche Faktoren wie Motivation, Freude oder empfundene Belastung wurden nicht erfasst, könnten jedoch eine wichtige Rolle spielen.
Darüber hinaus basiert die Untersuchung auf Daten aus Großbritannien. Unterschiede in Familienstrukturen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen könnten dazu führen, dass sich die Ergebnisse nicht vollständig auf andere Länder übertragen lassen. Der Beobachtungszeitraum von rund fünf Jahren erlaubt Aussagen über mittelfristige, nicht aber über sehr langfristige Entwicklungen.