1. Juni 2026, 17:05 Uhr | Lesezeit: 4 Minuten
Laut einer aktuellen Studie neigen Menschen, die täglich mehr Stunden arbeiten als der Durchschnitt, eher zu Übergewicht. Könnte eine Reduzierung der Arbeitszeit demnach beim Abnehmen helfen?
In Ländern wie den USA und Mexiko sind die Arbeitszeiten als auch die Adipositasraten vergleichsweise hoch. Dass das eine das andere bedingt, ist das Ergebnis einer Untersuchung, die kürzlich auf dem Europäischen Adipositaskongress ECO vorgestellt wurde.1 Die Analyse zeigt: In OECD-Ländern mit niedrigeren Adipositasraten, also weniger Menschen mit starkem Übergewicht, wird weniger Zeit für Arbeit aufgewendet. Wie ist das zu erklären?
Was hat Arbeit mit Übergewicht zu tun?
Die von Dr. Pradeepa Korale-Gedara von der University of Queensland in Australien geleitete Studie konzentrierte sich auf einen Aspekt, der vergleichsweise wenig Beachtung findet: die Arbeitszeit.2 Bislang fokussierte sich die Forschung vor allem auf individuelle Faktoren wie Ernährung, Bewegung oder Lebensstil. Allerdings wurde Zeitmangel bereits als möglicher Grund für ungesunde Ernährung und zu wenig Bewegung identifiziert. Macht zu viel Arbeiten und damit weniger Zeit für Kochen, Sport und Co. dick? Um diese Frage zu beantworten, wertete das Team um Dr. Korale-Gedara Daten aus 33 OECD-Staaten zwischen 1990 und 2022 aus. Berücksichtigt wurden neben den Arbeitszeiten auch Faktoren wie Einkommen, Stadt- oder Landleben und lokale Ernährungsdaten.
Nicht Kalorien allein fördern Übergewicht, sondern …
Auch wenn den USA und Südamerika ein wesentlich fett- und zuckerreicheres Ernährungsmuster nachgesagt wird als in vielen anderen Ländern, kam die genaue Analyse zu einem mitunter gegenteiligen Ergebnis. So liegt die durchschnittliche Kalorien- und Fettaufnahme in mehreren lateinamerikanischen OECD-Ländern teilweise unter jener europäischer Staaten wie Norwegen, Frankreich oder Österreich. Dennoch sind die Adipositasraten dort deutlich höher. Die Annahme, dass nicht allein die Kalorienzufuhr, sondern auch die Arbeitszeit Übergewicht fördert, wurde durch ein bemerkenswertes Rechenergebnis gestützt: Eine Reduzierung der jährlichen Arbeitszeit um ein Prozent ging mit einem Rückgang der Adipositasrate um 0,16 Prozent einher. Bei Männern fiel der „Schlank-Effekt“ durch früheres Feierabendmachen fast doppelt so hoch aus wie bei Frauen.
Warum lange Arbeiten dick macht
Die Forscher vermuten zahlreiche Zusammenhänge: „Wer lange arbeitet, hat oft weniger Zeit für Bewegung, Sport und die Zubereitung frischer Mahlzeiten. Gleichzeitig steigt die Wahrscheinlichkeit, auf stark verarbeitete, energiereiche Fertigprodukte zurückzugreifen.“ Hinzu kommt, dass lange Arbeitstage das Stresslevel erhöhen, was sich wiederum durch einen dauerhaft erhöhten Cortisolspiegel zeigt. „Dieser führt dazu, dass Menschen mehr Fett einlagern. Insbesondere in körperlich weniger fordernden Berufen.“
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So viel arbeiten die Deutschen tatsächlich
Die Adipositasraten innerhalb der OECD unterscheiden sich erheblich. Im Jahr 2022 verzeichneten die USA mit knapp 42 Prozent die höchste Adipositasrate bei Erwachsenen. Am anderen Ende der Skala liegt Japan mit rund 5,5 Prozent. In Deutschland gelten ca. 23 Prozent der Menschen als stark übergewichtig.3 Deutschland gehört inzwischen zu den Ländern mit den kürzesten Wochenarbeitszeiten. Beschäftigte arbeiten hier im Durchschnitt rund 34 Stunden pro Woche. In Frankreich und Spanien sind es etwa 37 Stunden, im Vereinigten Königreich rund 36 Stunden. Die Türkei liegt mit etwa 43 Wochenstunden deutlich darüber.4 Aufgrund der geringeren Anzahl an Urlaubstagen ist die tatsächliche Jahresarbeitszeit in den USA mit ca. 1.811 Stunden deutlich höher als in Deutschland mit ca. 1.341 Stunden.5
Fazit: Work-Life-Balance ist keine Lifestyle-Entscheidung
Dass der Zusammenhang zwischen Arbeitszeit und Übergewicht dennoch komplex ist, zeigt sich am „schlanken“ Japan, wo trotz 350 bis 400 Stunden jährlicher Mehrarbeit Übergewicht kaum verbreitet ist. Das Fazit der Forscher: Infrastruktur, Kultur, Mobilitätsangebote und das lokale Ernährungsumfeld unterscheiden sich von Land zu Land erheblich und beeinflussen die Ergebnisse mit. Dennoch trägt jede Stunde, die mehr für Bewegung, Freunde, Familie sowie das Zubereiten und Genießen frischer Mahlzeiten bleibt, zu einem gesunden Gewicht bei und stärkt gleichzeitig die mentale Gesundheit.