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Studie

ADHS könnte das Risiko für Gehirnerschütterungen im Sport deutlich erhöhen

Sportler mit ADHS erleidet Gehirnerschütterung
Für Sportler mit ADHS bedeuten Gehirnerschütterungen offenbar besondere Herausforderungen Foto: Getty Images
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15. Juli 2026, 17:26 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten

Bei Sportarten wie Fußball, American Football oder vielen Kampfsportarten gehören harte Ballkontakte und Zusammenstöße zur Tagesordnung. Entsprechend hoch ist das Risiko für sportbedingte Gehirnerschütterungen – und für Menschen mit ADHS scheint es sogar noch höher zu sein. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Übersichtsarbeit. Sie zeigt außerdem, dass ADHS die Diagnose und womöglich auch den Genesungsverlauf nach einer Gehirnerschütterung erschweren kann. FITBOOK erklärt die Details.

Sportbedingte Gehirnerschütterungen und ADHS

ADHS (kurz für Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) ist eine neurologische Entwicklungsstörung, die sich unter anderem durch Unaufmerksamkeit, Impulsivität sowie Schwierigkeiten bei der Planung und Steuerung von Handlungen äußern kann. Häufig treten zusätzlich Konzentrations- und Gedächtnisprobleme sowie emotionale Veränderungen auf.

Ähnliche Symptome sind auch nach einer sportbedingten Gehirnerschütterung üblich, einer der häufigsten Verletzungen im Wettkampfsport.1 Sie entsteht durch direkte oder indirekte Krafteinwirkung auf den Kopf oder den Körper. Obwohl sie als leichte traumatische Hirnverletzung eingestuft wird, führt eine sportbedingte Gehirnerschütterung häufig zu Beschwerden wie Kopfschmerzen, Schwindel und Konzentrationsstörungen. Auch die genannten Gedächtnisprobleme und emotionalen Veränderungen sind typisch. Deshalb ist die Unterscheidung zwischen bereits bestehenden Beschwerden und neuen Verletzungsfolgen oft schwierig.

Ziel der Untersuchung war es nun, bisherige Forschungsergebnisse zu bündeln und einen Überblick darüber zu geben, wie sich ADHS auf das Risiko für Gehirnerschütterungen, deren Diagnostik und den Genesungsverlauf auswirkt. Dabei hat das Thema für Corbit Franks, Co-Autor der hier vorgestellten Studie, auch einen persönlichen Bezug.2 Der Sportwissenschaftler lebt selbst mit ADHS und spielte in seiner Jugend Baseball und American Football. Damals seien auf dem Platz zugezogene Kopfverletzungen noch nicht untersucht worden – heute gehe er davon aus, sich über die Jahre mehrere Gehirnerschütterungen zugezogen zu haben.3

Details zur Untersuchung

Das Design der Studie war ein narrativer Literaturüberblick – eine Art wissenschaftliche Literaturrecherche also, die den aktuellen Forschungsstand abbildet, ohne Ergebnisse statistisch zusammenzuführen. Der Schwerpunkt lag dabei auf Studien aus den vergangenen zehn bis 15 Jahren – noch ältere Arbeiten berücksichtigte das Team nur, wenn sie grundlegende Erkenntnisse zu ADHS oder Gehirnerschütterungen lieferten. Diese Studien mussten sich mit mindestens einem der folgenden Themen befassen:

  • dem Risiko sportbedingter Gehirnerschütterungen bei Sportlern mit ADHS,
  • neurokognitiven Tests und der Erfassung von Symptomen oder
  • dem Genesungsverlauf und den klinischen Behandlungsergebnissen.

Die Autoren betonen, Studien mit hoher methodischer Qualität, größeren Teilnehmerzahlen und direktem Bezug zu Sportlern priorisiert zu haben. Betrachtet worden waren Menschen, die in verschiedenen Sportarten aktiv waren: Fußball, American Football, Baseball und Basketball. Fallberichte und nicht begutachtete Veröffentlichungen schlossen sie demnach grundsätzlich aus, es sei denn, diese lieferten einen besonderen konzeptionellen Beitrag.

Sportler mit ADHS haben größere Verletzungsanfälligkeit

Wie die Forscher erklären, stützen die vorliegenden Daten die Annahme, dass Sportler mit ADHS häufiger eine sportbedingte Gehirnerschütterung erleiden als Sportler ohne die Diagnose. In mehreren der untersuchten Studien war das Risiko zwischen 1,6- und 2,5-mal höher, einige Untersuchungen sprechen sogar von einer ungefähr doppelt so hohen Verletzungsanfälligkeit. Als möglichen Grund dafür nennen die Autoren die schlechtere Konzentrationsfähigkeit und Impulskontrolle bei ADHS.

Auch scheint sich die Diagnostik bei ADHS-Kranken, die eine Gehirnerschütterung erleiden, schwieriger zu gestalten. Betroffene berichten demnach bereits vor einer Verletzung häufiger über vergleichbare Beschwerden. Außerdem erzielen sie in neurokognitiven Tests oft niedrigere Ausgangswerte und weisen zudem häufiger ungültige Basistests auf. Das macht es schwieriger, zu erkennen, welche Veränderungen tatsächlich auf eine Gehirnerschütterung zurückzuführen sind.

Nicht ganz so eindeutig stellt sich die Studienlage zum Genesungsverlauf dar. Wie die Autoren erklären, deuten die Beobachtungen teilweise darauf hin, dass Sportler mit ADHS im Schnitt vier bis sechs Tage länger benötigen, um in den Schulalltag und Sport zurückzukehren. Andere Studien wiederum fanden keine längere Gesamterholungszeit bei ADHS, beschrieben dafür aber länger anhaltende Einschränkungen einzelner kognitiver Fähigkeiten.

An dieser Stelle hat sich noch eine offene Frage ergeben. Wie die Autoren erklären, sei noch unklar, ob Medikamente das Risiko senken oder die Heilung beeinflussen. In diesem Zusammenhang müsse das weitere Vorgehen individuell unter Berücksichtigung der persönlichen Umstände und der Verträglichkeit entschieden werden.

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Mögliche Bedeutung der Ergebnisse

Die Forscher folgern aus der Literatursichtung, dass ADHS sowohl das Verletzungsrisiko als auch die Aussagekraft diagnostischer Verfahren beeinflussen kann. Bei Sportlern mit ADHS sollte die Störung daher als wesentlicher Aspekt bei der Beurteilung einer Gehirnerschütterung berücksichtigt werden.

Die Autoren betonen daher die große Bedeutung individueller Ausgangsuntersuchungen von Sportlern vor Beginn jeder Saison. Dabei sollten Ärzte, Sportmediziner, Trainer und Betreuer die Testergebnisse nicht isoliert bewerten. Die Forscher empfehlen eine sorgfältige Erhebung der Krankengeschichte sowie die Berücksichtigung bereits bestehender ADHS-Symptome.

Bei absehbarem Bedarf sollten auch Neuropsychologen, Psychiater, Psychologen und andere Fachkräfte in die Behandlung einbezogen werden. Es sei wichtig, Sportler, Trainer und medizinisches Personal über die Überschneidungen zwischen ADHS- und Gehirnerschütterungssymptomen aufzuklären. So könnten Verletzungen womöglich früher erkannt und angemessen behandelt werden.

Einschränkungen

Die Arbeit fasst vorhandene Forschung zusammen und ordnet sie ein. Da die Autoren keine statistische Zusammenfassung der Ergebnisse durchgeführt haben, lassen sich keine neuen Effektgrößen berechnen oder eindeutige Kausalzusammenhänge ableiten.

Weiterhin räumen die Forscher gewisse Schwächen der berücksichtigten Studien ein, die nicht zuletzt sehr unterschiedlich aufgebaut waren: Es wurden sowohl Beobachtungsstudien, darunter Quer- und Längsschnittstudien, als auch experimentelle Untersuchungen einbezogen. Viele der Untersuchungen umfassten dabei nur relativ kleine Teilnehmergruppen. Außerdem verwendeten die Arbeiten unterschiedliche Diagnosekriterien für ADHS oder verschiedene Testverfahren zur Beurteilung von Gehirnerschütterungen. Und: Zahlreiche Studien stützen sich auf Selbstauskünfte der Teilnehmer über frühere Gehirnerschütterungen. Es sind daher Erinnerungsfehler oder unvollständige Angaben möglich. Auch wurden mögliche Einflussfaktoren (z. B. Alter oder Geschlecht, etwaige Medikamenteneinnahmen und konkrete Sportarten) nicht in allen Studien gleichermaßen berücksichtigt.

Aus diesen Gründen sei es nun bedeutsam, größere Langzeitstudien mit standardisierten Untersuchungsmethoden und längeren Nachbeobachtungszeiten durchzuführen. Dies könnte dabei helfen, den Einfluss von ADHS auf Verletzungsrisiko, Diagnostik und Genesung zuverlässiger zu beurteilen.

Quellen

  1. MSD Manual: Sportbedingte Gehirnerschütterungen (aufgerufen am 14.7.2026) ↩︎
  2. Parr, J., King, M., Franks, C. (2026). Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder and Sport-Related Concussion in Athletes: Implications for Risk, Assessment, and Recovery. Clinical and Translational Neuroscience. ↩︎
  3. University of Mississippi: Research Highlights Concussion Challenges for Athletes with ADHD (aufgerufen am 14.7.2026) ↩︎

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