29. Dezember 2025, 4:03 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Tics, die den eigenen Körper aus dem Takt bringen, ein Nervensystem ohne verlässlichen Filter und ein hartnäckiges Klischee, das Betroffene bis heute stigmatisiert: Das Tourette-Syndrom ist bekannt, aber selten richtig verstanden. Woran man den Unterschied zu Tics erkennt und wie Tourette behandelt werden kann.
Tourette-Syndrom gehört zu den Tic-Störungen
Beim Tourette-Syndrom handelt es sich um eine komplexe neurologisch-psychiatrische Erkrankung. Motorische und vokale Tics, die sich ständig wandeln und in ihrer Intensität stark schwanken, sind das Kernsymptom. Tourette verläuft chronisch und beginnt stets in der Kindheit oder Jugend. Die Entstehung der Erkrankung ist nach wie vor nicht geklärt. Die Tourette-Gesellschaft schätzt den Anteil der in Deutschland lebenden Betroffenen auf 0,4 bis 0,7 Prozent der Bevölkerung. Erstmals beschrieben hat das Syndrom der französische Neurologe Georges Gilles de la Tourette im Jahre 1885.
Das Tourette-Syndrom gehört zu den Tic-Störungen (TS): unwillkürliche Körperbewegungen oder Lautäußerungen, die keinem klaren Rhythmus folgen. Etwa: Augen rollen, Stirn runzeln, Bein-/Fußbewegungen, an Kleidung zupfen, Räuspern, Ausstoßen von Schreien oder Silben, Nase hochziehen … Solche vokale und motorische Tic-Störungen sind eine häufige Störung des Kindesalters, die weniger als ein Jahr andauern. Sie sind also vorübergehend. Häufig verstärken sich Tics bei Stress, Müdigkeit oder Aufregung und lassen in entspannten Situationen nach.
Bis zu 10 Prozent aller Kinder von vorübergehenden Tic-Störungen betroffen
Laut der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uniklinik Dresden treten Tic-Störungen bei bis zu zehn Prozent aller Kinder vorübergehend auf. Etwas weniger als die Hälfte, ca. vier Prozent, seien länger als ein Jahr betroffen. Jungen und Männer sind demnach drei- bis viermal häufiger von Tic-Störungen betroffen als Mädchen und Frauen.1
Wann man vom Tourette-Syndrom spricht
Bei Tic-Störungen, die mindestens ein Jahr vorhanden sind und einen Beginn im Kindes- und Jugendalter haben, kann es sich – neben chronischen motorischen sowie chronischen vokalen Tic-Störungen um das Tourette-Syndrom handeln.2 Von einem Tourette-Syndrom spricht man, wenn mehrere motorische und mindestens ein vokaler Tic gemeinsam über mindestens ein Jahr hinweg auftreten und vor dem 18. Lebensjahr begonnen haben.1
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Ausstoßen von Schimpfwörtern ist nicht Tourette!
Oft wird das Tourette-Syndrom mit dem willkürlichen Ausstoßen von Schimpfwörtern verbunden. Diese Form der vokalen Tics nennt man Koprolalie – kommt aber nur bei zehn bis 20 Prozent der Betroffenen vor.3 Die Mehrheit hat keinerlei beleidigende oder sozial unangemessene Tics.
Wie hartnäckig dieses Klischee tatsächlich ist, zeigt eine neue, bislang noch nicht veröffentlichte, repräsentative Umfrage der Tourette-Expertin Prof. Dr. Kirsten Müller-Vahl Müller-Vahl ist Oberärztin in der Abteilung für Klinische Psychiatrie und Psychotherapie der Medizinischen Hochschule Hannover und leitet dort die Tourette-Sprechstunde. Ihre Umfrage zeigt, dass das Tourette-Syndrom in Deutschland weitgehend unbekannt ist und selbst bei jenen, die davon gehört haben, das Wissen lückenhaft bleibt. Zugleich sind stereotype Vorstellungen – insbesondere die fälschliche Gleichsetzung von TS mit Koprolalie – weitverbreitet.
Was bei Tourette im Gehirn passiert
Vereinfacht gesagt besitzt unser Gehirn eine Art inneren Filter, der dafür sorgt, dass nur Bewegungen und Laute ausgeführt werden, die wir wirklich wollen. Dieser Filter sitzt in einem tief liegenden Netzwerk aus Hirnregionen, den Basalganglien. Normalerweise sortieren sie unbewusste Bewegungsimpulse aus – ähnlich wie ein Sicherheitscheck, der Unwichtiges zurückhält und nur sinnvolle Signale durchlässt.4
Bei Menschen mit dem Tourette-Syndrom funktioniert dieser Filter nicht zuverlässig. Bestimmte motorische oder vokale Impulse werden nicht mehr ausreichend gebremst und gelangen „durch den Filter hindurch“. Das Ergebnis sind die typischen Tics. Eine Rolle spielt dabei vermutlich auch der Botenstoff Dopamin, der in den betroffenen Hirnschaltkreisen überaktiv oder unausgeglichen sein kann und die Reizweiterleitung zusätzlich verstärkt.
Mögliche Ursachen der Erkrankung
Die genaue Ursache des Tourette-Syndroms ist bis heute nicht vollständig geklärt. Es wird angenommen, dass sowohl genetische als auch Umweltfaktoren, die die Regulationssysteme (z. B. das Immun- und das endokrine System) beeinflussen, zusammenwirken könnten, um eine neurobiologische Anfälligkeit für die Entwicklung von Tics zu schaffen.1
Laut der Uniklinik Dresden, die zu Tics forscht, weisen viele Ergebnisse aus der Forschung darauf hin, dass „insbesondere psychosozialer Stress, prä- und perinatale Komplikationen und Infektionen mit beta-hämolytische Streptokokken der Gruppe A (GAS)“ bei der Entstehung bzw. Verschlimmerung von Tics eine Rolle spielen könnten.1
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Häufige Begleiterkrankungen
Viele Menschen mit Tourette-Syndrom leben zusätzlich mit weiteren psychischen oder neurologischen Auffälligkeiten. Besonders verbreitet sind ADHS, Zwangsstörungen sowie verschiedene Angststörungen. Auch affektive Störungen, darunter depressive Episoden, treten überdurchschnittlich häufig auf. Bei betroffenen Kindern zeigt zudem ein relevanter Anteil – bis zu rund 20 Prozent – weitere kinder- und jugendpsychiatrische Probleme, etwa emotionale Entwicklungsstörungen, Lernschwierigkeiten oder Verhaltensauffälligkeiten.5
Behandlungsmöglichkeiten
Eine völlige Heilung des Tourette-Syndroms ist bislang nicht möglich. Die Behandlungsmöglichkeiten lassen sich in drei zentrale Elemente einteilen.
Verhaltenstherapie
Das Gewohnheitsumkehrtraining gilt heute als eine der wirksamsten Therapien bei Tourette. Zentral ist dabei, das typische Vorgefühl vor einem Tic bewusst wahrzunehmen und eine Alternativbewegung einzuüben, die den Tic blockiert – durch eine gezielte Anspannung eines anderen Muskelbereichs. Auf diese Weise lässt sich der automatische Ablauf vieler Tics durchbrechen. Laut der Medizinischen Hochschule Hannover können 30 bis 40 Prozent der Tics damit reduziert werden.6
Medikamentöse Therapie
Vor wenigen Jahren war die medikamentöse Therapie die einzige verfügbare Behandlungsmöglichkeit für Tourette. Heute wird sie vor allem dann eingesetzt, wenn Tics stark belasten und verhaltenstherapeutische Methoden nicht ausreichen. Die Wirkstoffe greifen meist in das Dopamin-System ein und können die Tic-Häufigkeit deutlich mindern – bis zu 60 Prozent. Allerdings sind sie je nach Präparat mit möglichen Nebenwirkungen verbunden, weshalb die Behandlung individuell abgewogen wird.
Hirnstimulation
Die tiefe Hirnstimulation (THS) gilt als relativ neues neurochirurgisches Verfahren und wird ausschließlich bei schwerbetroffenen Patienten mit Tourette-Syndrom in Betracht gezogen, für die medikamentöse und verhaltenstherapeutische Ansätze nicht mehr ausreichen.
Ein öffentliches Beispiel für diese Therapieform war der Ende 2025 an den Folgen eines epileptischen Anfalls verstorbene Youtube-Star Jan Zimmermann. Zimmermann, der auf seinem Kanal „Gewitter im Kopf“ viele Jahre offen über sein Leben mit dem Tourette-Syndrom gesprochen hatte, war 2022 ein Hirnschrittmacher eingesetzt worden.