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Geräte immer beliebter, aber auch sinnvoll?

Experte: »Massagepistolen sind martialisch und gefährlich

Mann massiert sich das Bein mit Massagepistole
Tut man sich mit Massagepistolen etwas Gutes – oder richtet man Schaden an? Das wollte FITBOOK wissen.
Foto: iStock/DmitriMarut

Schmerzen am ganzen Körper einfach „wegschießen“ – das versprechen die Hersteller von Massagepistolen. Der renommierte Physiotherapeut Andreas Stommel warnt im Gespräch mit FITBOOK massiv vor ihrem Einsatz. Unsere Autorin wollte trotzdem wissen, ob sie damit ihre verhärtete Läuferwade wieder locker bekommt und hat ein Gerät getestet.

Hatten Sie schon mal mit einer Massagepistole das Vergnügen? „Babb-babb-babb-babb-brrrrrrrrrrrrrrrrrr“ – eine durchaus beeindruckende körperliche Erfahrung, wenn eine verspannte Körperstelle mit kräftigen Stößen bearbeitet wird wie eine vermooste Gehwegplatte, die gekärchert wird.

40 Mal pro Sekunde klopft der Marktführer – ein Specht kommt auf die Hälfte

Viele Physiotherapeuten nutzen Massagepistolen inzwischen zur Entlastung, Sportler wie Fußballstar Cristiano Ronaldo bejubeln auf Instagram den muskulären Durchrüttel-Effekt: Bis zu 40 Mal pro Sekunde klopft beispielsweise die „Elite“ von Marktführer Theragun auf die Haut und das darunter liegende Gewebe ein – um mal einen Vergleich zu ziehen: Ein Specht kommt bei der Bearbeitung von Holz gerade mal auf die Hälfte.

Hersteller-Antwort auf jedes muskuläre Problem: Massagepistole!

Das beeindruckende Rattern der massierenden Pistolen soll, gepaart mit verschiedenen Kegel- und Kugelaufsätzen, eine „unübertroffene Tiefenmuskulaturentspannung“ nach sich ziehen. Verspannungen sollen effektiv reduziert, die Erholung beschleunigt und das Wohlbefinden des ganzen Körpers verbessert werden, indem Blut- und Lymphfluss angeregt würden. Das ist noch lange nicht alles: Schmerzen sollen gelindert, die sportliche Leistungsfähigkeit verbessert werden. Von der kräftigen Nackenverspannung bis zur Sehnen- und Schleimbeutelentzündung: Glaubt man der Werbung, gibt es kaum ein Problem des Bewegungsapparats, das sich mit Schüssen aus der Massagepistole nicht niederstrecken lässt.

Bei solchen Versprechungen stellen sich dem Bonner Physiotherapeuten Andreas Stommel die Nackenhaare auf. Der renommierte Experte, der viele professionelle Athleten und Tänzer unter seinen Fittichen hat, bezweifelt – bis auf wenige Ausnahmen im Sportbereich – nicht nur die Wirkung von Massagepistolen: In den Händen des Laien, der seiner verletzten oder geschädigten Muskulatur durch die Stöße Gutes tun will, hält er ihren Einsatz sogar für gefährlich.

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Physiotherapeut: Wehwehchen kann man nicht wegschießen

„Die Leute glauben, mit der Pistole ihre Wehwehchen wegschießen zu können. Und im ersten Moment fühlt sich das auch ganz gut an“, sagt Andreas Stommel im Gespräch mit FITBOOK. „Ich halte die Dinger jedoch für gefährlich.“ Was den meisten nicht klar sei: Es kommen Stöße wie bei einem Presslufthammer zur Anwendung – „und damit eine viel zu hohe Energieeinbringung in den Körper“. 40 Stöße pro Sekunde – der Physiotherapeut findet das „martialisch“.

Als Reaktion würden sich die Muskelfasern zusammenziehen, und nicht, wie vom Hersteller propagiert, entspannen. Quasi eine Art Schutzmechanismus. „Man denkt, die Stöße helfen, weil es sich gut anfühlt – und merkt nach zwei Wochen, dass die Beschwerden wieder da sind.“ Weder Frequenz, Dosierung noch Dauer der Anwendung könne der Laie im Umgang mit Massagepistolen richtig handhaben. „Er wendet das Gerät ungefiltert an, ohne zu wissen, ob er sich einen Schaden zufügt.“

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Massagepistolen können auch Schaden anrichten

Stommel berichtet vom Fall einer Patientin, die ihre schmerzhafte Bursitis (Schleimbeutelentzündung) am Ellenbogen mit der „Theragun“ selbst behandelt hatte. Bei ihr hat sich das Problem durch den Einsatz der Massagepistole derart verschlechtert, dass die Frau operiert werden musste. „Man muss höllisch aufpassen, dass man sich damit nichts kaputt macht“, warnt der renommierte Physiotherapeut, der schon Helene Fischer und ihre Crew auf Deutschlandtour begleitet hat. Andernfalls riskiere man, aus einer Lappalie ein Problem zu machen. Schleimbeutelentzündungen werden vom Hersteller auf der Webseite als eine von 32 Einsatzbereichen genannt.

Jeder Körper reagiert anders – die Hand spürt das, die Pistole nicht

„Probleme am Bewegungsapparat kann man nicht wegschießen und auch eine allgemeine Lockerung erreicht man nur durch manuelle Massage“, sagt Stommel. Jeder Körper reagiere auf Druck und Schmerzpunkte anders. Bei manchen Patienten könne er als Physiotherapeut voll reinpowern, bei anderen nicht. „Wenn ich meine Hände am Patienten anlege, fühle ich mit der Hand und den Fingern. Wie soll eine Massagepistole auch nur annähernd die gleiche Wirkung erzielen können?“

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Für wen die Massagepistole sinnvoll sein kann

Teil des Problems sei auch: Die Hersteller haben den Laien als größte Zielgruppe ausgemacht – auf diesem Markt ist der Absatz an größten. Aus Sicht von Andreas Stommel müssten Massagepistolen als Medizingerät klassifiziert werden. Dann unterlägen sie dem Medizinproduktgesetz, welches viele kostspielige und zeitintensive Untersuchungen voraussetzt. „Das hat die Firma aber nicht im Sinn“, sagt Stommel.

Lediglich in zwei Fällen hält der Experte den Einsatz von Massagepistolen für teilweise sinnvoll: Für Profisportler, die ihren Körper gut kennen und regelmäßig in physiotherapeutischer Behandlung sind, sowie als Entlastung für Physiotherapeuten und Chiropraktiker, die bei Patienten mit „extremen Verspannungen“ mit ihren eigenen Händen an die Grenze kommen. Für ihn selbst komme das jedoch nicht infrage.

Fazit zu Massagepistolen

Für Sportler, die ihren Körper in- und auswendig kennen und wissen, wie er auf Druck reagiert, kann die Massagepistole eine Hilfe sein – beispielsweise um stark verspannte Muskelpartien zu lockern. Wer Laie auf dem Gebiet ist und weder Frequenz, Dosierung noch Dauer der Anwendung richtig beurteilen kann, sollte die Finger davon lassen. Es besteht die Gefahr, sich mehr Schaden zuzufügen, als Probleme und Verspannungen zu lösen.

Erfahrungsbericht: Theragun Elite im Test

FITBOOK hat die Theragun Elite getestet

Die Theragun Elite (Preis: ab 399 Euro).
Foto: Theragun

Trotz der Einwände von Physiotherapeuten haben Massagepistolen den europäischen Markt erobert. Geräte gibt es von 80 bis 600 Euro. Seriöse Tests, worauf man beim Kauf achten muss, gibt es nicht. FITBOOK-Redakteurin Anna Kessler hat sich die Theragun Elite (ca. 399 Euro) des führenden Anbieters Theragun für zwei Wochen lang zu Hause getestet.

„Regenerative Effekte kann ich nicht wirklich bestätigen“

Kaum liegt die Massagepistole in meiner Hand, bin ich beeindruckt: Ihr Gewicht vermittelt Wertigkeit, der dreieckige Griff liegt in der Hand wie ein Rührgerät – an den die Theragun Elite der 4. Generation übrigens auch optisch erinnert. Nur wurde sie nicht zum Teigrühren entwickelt, sondern als angebliche Wunderwaffe bei ordentlich verspannten Muskeln – und davon habe ich reichlich.

Ich behandle an verschiedenen Tagen mit der Massagepistole für jeweils zwei Minuten wiederholt meine verhärtete Läuferwade und den verspannten Nacken. Auch Muskelkater in Oberschenkeln und Po bearbeite ich mit der Theragun Elite, und ein paar Mal setze ich sie auch vor dem Laufen ein. An Wade und Po, bei mir sehr unempfindliche Körperstellen, genieße ich das Durchgerütteltwerden auf allen Stufen und habe auch das Gefühl, dass die Vibration in der Tiefe der Muskulatur ankommt. Die zuvor wie betoniert daherkommende Wade fasst sich nach dem Einsatz der Massagepistole weicher an. Am anderen Tag ist von der Lockerung jedoch nichts mehr geblieben, ich starte erneut mit harter Wade auf die Strecke.

Die Gesäßmuskulatur profitiert hingegen, hier kann ich den Muskelkater bei regelmäßiger Anwendung tatsächlich etwas zurückdrängen. An den muskelkatergeplagten Oberschenkeln schmerzt die Massage mit der Theragun leicht, gerade an der Grenze zum Unangenehmen. Erholungseffekt jedoch: Fehlanzeige. Im Schulter-Nackenbereich bin ich vorsichtiger. Grundsätzlich spüre ich hier, dass mein Körper eine Menge damit zu tun hat, diese Krafteinwirkung abzukönnen. Zwei Minuten im Nacken – das muss man aushalten können und ich kann es offenbar nicht. Von einer Anwendung in diesem sensiblen Bereich rät mir meine Physiotherapeutin zudem ab.

Unterm Strich würde ich sagen, dass die Massagepistole bei stark verhärteter Muskulatur durchaus einen Wohlfühleffekt erzeugt. Regenerative Effekte kann ich nicht wirklich bestätigen. Dafür steige ich lieber auf meine geliebte Faszienrolle. FITBOOK-Redakteurin Anna Kessler