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Nicht nur eine optische Veränderung

Auswirkungen von Narben auf Körper und Gehirn

Narben
Narben sind mehr als nur eine optische Veränderung der Haut. Foto: Getty Images

Viele haben sie, manche schämen sich für sie und verstecken sie: Narben. Ob nach einer Operation, Geburt oder einem Unfall: Narben erzählen uns so manche intensive Geschichte über das Erlebte und beeinflussen unseren Körper und unser Gehirn. Oft gehen sie mit Gefühlsstörungen einher. Mit sensorischem und motorischem Training kann dagegen gearbeitet werden.

Unsere erste Narbe ist unser Bauchnabel – nach dem Abtrennen der Nabelschnur. Und nicht nur der Bauchnabel ist empfindlich. Oft hat man um eine Narbe herum Gefühlsstörungen, das Gebiet ist entweder deutlich sensibler oder weniger sensibel, manche spüren nach einer Operation wochen-, monate- oder jahrelang kaum etwas. Das kann enorme Auswirkungen auf den ganzen Körper haben: Von weniger Stabilisierung über Kraftverlust bis hin zu Verdauungsproblemen. Daher ist es wichtig, die sensorischen und motorischen Fähigkeiten der verletzten Stelle zu trainieren.

Was genau ist eine Narbe?

Eine Narbe ist eine auf der Haut sichtbare Spur einer verheilten Wunde. Sie entsteht durch aktive Bindegewebszellen, sogenannte Fibroblasten, die im Prozess der Wundheilung ein faserreiches Gewebe bilden. Damit ist eine Narbe also das Endergebnis der Wundheilung nach einer Verletzung, Verbrennung oder Operation. Beispielsweise weil bei einer Operation Gewebe entnommen wurde oder weil Haut und Gewebe bei einem Unfall verletzt wurden. Die Narbe ersetzt dann das ursprüngliche Gewebe an eben dieser Stelle, hat aber oftmals nicht die gleichen Gewebeeigenschaften. Sie kann beispielsweise weniger beweglich oder dehnbar sein. Dann spricht man von einem Funktionsverlust durch eine Narbe.

Wer sich verletzt, kann beobachten, wie sich die Wunder von Tag zu Tag verändert. Doch auch wenn sie schließlich geschlossen ist, passiert noch etwas. Denn eine Narbe ist keineswegs unveränderlich und starr. Im Gegenteil: Das Narbengewebe baut sich kontinuierlich um. Nachdem sich die Kollagenfasern bei der Narbenbildung zunächst vermehrt haben, ziehen sie sich im Laufe der Zeit immer mehr zusammen. Während dieser Narbenschrumpfung nimmt dann auch die Dichte der Blutgefäße ab und die Narben verblassen. Dieser Prozess ist sehr individuell und kann Monate bis Jahre dauern. Durch eine Verletzung oder Operation können aber auch Nerven beschädigt werden. Gerade bei größeren Eingriffen kann dies geschehen. Hier sollte man mit Fachärzt*innen Rücksprache halten.

Abhängig von der Art der Verletzung und der Körperstelle, aber auch abhängig von der jeweiligen Genetik, kann zudem der Hauttyp eine Rolle bei der Narbenbildung spielen. Jeder Mensch hat mindestens eine Narbe, die direkt nach der Geburt entsteht: unser Bauchnabel. Nach der Entfernung der Nabelschnur verwächst der Bauchnabel und schließt damit die Bauchdecke. Damit ist der Bauchnabel eine sehr empfindsame Körperregion, die in unterschiedlichen Therapie-, Trainings- und Behandlungsschwerpunkten besondere Aufmerksamkeit bekommt. 

Was Narben mit dem Gehirn zu tun haben

Unser Gehirn hat „Landkarten“ von sämtlichen Körperregionen abgespeichert. Diese Landkarten können sowohl für Bewegungen als auch für sensorische Informationen sein. Denn nicht nur in unserer Haut, sondern in jedem körperlichen Gewebe, befinden sich Rezeptoren. Diese Rezeptoren reagieren auf unterschiedliche Reize. Sogenannte Mechanorezeptoren nehmen mechanische Informationen auf und senden diese über die peripheren Nerven und das Rückenmark ans Gehirn. Beispiele für solche Informationen, die von Mechanorezeptoren wahrgenommen werden, sind zum Beispiel: taktile Reize, Gewebeverschiebung, Druck, Zug, Dehnung, Vibration. Eine andere Art von Rezeptor sind beispielsweise Thermorezeptoren, die auf unterschiedliche Temperaturen reagieren, wie beispielsweise warm, kalt oder heiß.

Weitere Rezeptoren sind Chemorezeptoren, die beispielsweise bei einer Tätowierung aktiviert werden und dann dem Gehirn ein Signal senden, dass sich hier eine körperfremde Substanz im Gewebe befindet. Denn was vielen nicht bewusst ist: Auch Tattoos sind Narben, da die Hautschichten und unterliegenden Gewebeschichten durch die Farbpigmente gereizt werden und kleine Mikroverletzungen entstehen. Ein sauber und gut gestochenes Tattoo sollte nach dem Heilungsprozess kein offensichtliches Narbengewebe mehr aufweisen. Dennoch sind die in der Haut eingelagerten Farbpigmente Fremdstoffe, die von Chemorezeptoren als solche wahrgenommen werden. 

Durch jede Narbe verändert sich diese Landkarte im Gehirn. Das kann man sich vorstellen wie eine Baustelle auf der Straße und der Informationsweiterleitung an das Navi: Kurzfristig wird die Straße gesperrt, es erfolgt eine Umleitung. Bei der Narbenbildung belasten wir die Körperregion weniger, gehen zeitweise in eine Schonhaltung. Hier und da wird es einen Stau geben und Baustelle kann sich verzögern. Die Narbenreifung verläuft ebenso in Etappen, sorgt kurzfristig vielleicht auch für Bewegungsstau. Allmählich, Stück für Stück, wird die Baustelle geschlossen. Diese Information muss an das Navi weitergeleitet werden. Ebenso braucht das Gehirn und Nervensystem die Information, dass die Wunde verheilt ist und es sich hier nicht mehr um eine „offene Baustelle“ handelt. 

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So wichtig ist der sensorische und motorische Zustand der Narbe

Je mehr Informationen über unterschiedliche Reize aus der eigenen Körperlandkarte an das Gehirn gesendet werden, umso schneller schließt das Gehirn diese „Baustelle“. Eine verbesserte Wahrnehmung über den sensorischen und motorischen Zustand der Narbe ist also entscheidend, wie Forschungen belegen. Spürt man ein Areal rund um eine Verletzung weniger, weiß das Nervensystem nicht genau, was in diesem Bereich sensorisch und motorisch passiert. Das führt dann oft dazu, dass der Muskel weniger Kraft entwickelt, dass der Bewegungsumfang eingeschränkt wird oder dass es zu Missempfindungen kommt. 

Das wäre im Vergleich mit der Baustelle, als ob das Navi keine Updates mehr erhält und nicht weiß, ob die Straße wieder offen ist oder nicht. Im Zweifelsfall wird es den Bereich umfahren. Genauso wird das Nervensystem eventuelle Belastungen auf und um die Narbe herum vermeiden: Es erlaubt weniger Bewegung und weniger Kraft. 

Oftmals fühlt sich ein Bereich um die Narbe herum sogar sensibler an und ist deutlich empfindlicher. In diesem Fall senden die Rezeptoren aus diesem Bereich dauerhafte Informationen. Das Nervensystem bewertet diese Stelle dann als besonders bedrohlich. Das ist gerade nach Operationen ja auch durchaus sinnvoll, um den Heilungsprozess an diesen Stellen voranzutreiben und mögliche Mehrbelastung zu unterbinden. Bleibt dieser Zustand aber dauerhaft, verändert sich die Sensibilität der Rezeptoren und der Nerven und das Nervensystem kann dann auch eine Bedrohung wahrnehmen, wenn die Heilung längst abgeschlossen ist. 

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Mit den richtigen Maßnahmen Narbengewebe verbessern

Sobald eine Wunde vollständig verheilt ist und die Ärztin oder der Arzt das Okay zur Narbenbehandlung gegeben hat, kann man also selber aktiv werden. Durch sensorisches und motorisches Training der Narbe und der umliegenden Körperregion. Je mehr Informationen das Nervensystem aus der Region um die Narbe herum bekommt, umso klarer wird die Landkarte. Entsprechend fühlt sich das Nervensystem sicher und erlaubt Bewegungen und Kraftentwicklung. Folgendes Training bietet sich dafür an:

Sensorisches Training

Die Narbe und das umliegende Gewebe mit folgenden Reizen stimulieren und abgleichen, ob sich die Narbe und das umliegende Gewebe identisch anfühlen. Damit sich das Nervensystem daran gewöhnt, kann man damit beginnen, das Gewebe und die Narbe zweimal täglich je drei Minuten zu bearbeiten. Die einfachsten Versionen hierfür sind zum Beispiel:

  • Kalt und Warm:

    Lassen Sie warmes und kaltes Wasser über die Narbe laufen. Wie fühlt sich kaltes Wasser direkt auf der Narbe an und wie daneben? Wie unterscheidet sich das Gefühl mit warmen Wasser? Fühlen Sie die Temperatur-Unterschiede? Durch diese Übung werden die Thermorezeptoren aktiviert. Dadurch kann die Sensibilität in dem Bereich normalisiert werden.

    Alternativ nehmen Sie beispielsweise einen Metall-Löffel, der bereits kühl ist. Streichen Sie mit dem Löffel über die Narbe und den Bereich um die Narbe herum. Fühlt es sich überall gleich an? Ist es an manchen Stellen klarer oder verschwommener? Spüren Sie an manchen Stellen kaum die Berührung und die Kälte des Metalls? Wie fühlt es sich an, wenn Sie den Löffel vorab unter warmes Wasser halten und über die Narbe und das Gewebe streichen? Spüren Sie nun, das der Löffel eine andere Temperatur hat? Können Sie die unterschiedlichen Temperaturen wahrnehmen?
  • Spitz: Testen Sie mit einer Büroklammer, wie sich die Narbe und das Gewebe drumherum anfühlen. Spüren Sie die gleiche Bewegung, wenn sie mit der Büroklammer über den Bereich streichen? Wie fühlt es sich an, wenn Sie mit der Büroklammer leichten Druck aufbauen? Gleichen Sie auch hier wieder die Bereiche der Narbe und des umliegenden Gewebes ab.
  • Dumpf: Fahren Sie mit einem dumpfen Stiftende oder mit einer Löffelfläche über die Narbe und das umliegende Gewebe. Vergleichen Sie, ob Sie die Berührung überall gleich intensiv wahrnehmen. Sie können auch den Vergleich aus spitz und dumpf testen: Merken Sie einen Unterschied, wenn Sie mit der Bleistiftspitze oder dem Bleistiftende über das Gewebe und die Narbe fahren?
  • Vibration: Nutzen Sie zum Beispiel eine elektrische Zahnbürste, um über die Narbe und das umliegende Gewebe zu streifen. Vergleichen Sie, wie sich die Bereiche anfühlen. Nehmen Sie die Vibration überall genauso intensiv wahr? Fühlt sich die Vibration zum Teil vielleicht sogar intensiver an? 

Motorisches Training

Bei diesem Training sollen das Narbengewebe und umliegende Gewebe in alle Himmelsrichtungen mobilisiert werden. Testen Sie, welche Richtung am angenehmsten ist. Sie können hierbei die unterschiedlichen Reize testen:

  • Anheben: Nehmen Sie den Bereich der Narbe zwischen Daumen und Zeigefinger und ziehen Sie die Narbe in alle Richtungen. Gehen Sie dabei niemals in den Schmerz oder das Unwohlsein.
     
  • Druck: Drücken Sie mit der Hand leicht auf die Narbe und nehmen Sie wahr, wie sich der Druck anfühlt. Verändert sich das Gefühl, wenn Sie den Druck intensivieren? Fühlt sich starker Druck oder leichter Druck angenehmer an? Wie fühlt es sich an, wenn Sie den Druck halten und die Narbe dabei in die unterschiedlichen Richtungen verschieben? Welche Richtung ist Ihnen am angenehmsten?
  • Zug: Ziehen Sie die Narbe und das Gewebe in alle Richtungen und vergleichen Sie, in welche Richtung der Zug am angenehmsten ist. 
  • Indirekte Mobilisierung: Hierbei wird das Gelenk oberhalb und unterhalb der Narbe mobilisiert, um damit indirekt die Narbe mitmobilisieren. Oftmals ist es weniger bedrohlich, nicht direkt das vernarbte Gewebe zu trainieren sondern eine Ebene höher oder tiefer zu arbeiten. 

Das Ziel all dieser Übungen sollte es sein, dass sich die Bereiche immer identischer anfühlen und Sie eine immer klarere Information aus den Bereichen bekommen. Sehen Sie die Übung anfangs nur als reine Datensammlung und Stimulation an und testen Sie von Wiederholung zu Wiederholung, wie sich Ihre Wahrnehmung in dem Bereich verändert.

Zur Autorin: Luise Walther ist Personal Trainerin in Berlin mit Schwerpunkt funktionelle Neurologie und neurozentriertes Bewegungstraining. Sie verfügt über Fachwissen in der Rehabilitation, Verletzungsprophylaxe sowie Performance-Steigerung.