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Studie aus Schweden

ADHS-Medikamente senken offenbar Risiko für Unfälle, kriminelles Verhalten und mehr

ADHS Medikamente Nutzen
ADHS-Medikamente sollen die Konzentrationsfähigkeit steigern, während innere Unruhe, Impulsivität und Hyperaktivität reguliert werden Foto: Getty Images
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Friederike Ostermeyer
Freie Autorin

15. August 2025, 13:03 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten

Laut einer neuen Studie haben ADHS-Medikamente einen weitaus größeren Nutzen, als nur die üblichen Symptome zu lindern. Vor allem Betroffene, die unter wiederkehrenden problematischen Verhaltensmustern wie Drogenmissbrauch oder kriminellem Verhalten leiden, profitieren davon.

Die Medikamente haben für ADHS-Betroffene offenbar einen weitreichenderen Nutzen als nur eine bessere Konzentration und Aufmerksamkeit: So senken sie laut einer aktuellen Studie des Karolinska-Instituts in Stockholm und der University of Southampton in Großbritannien das Risiko für suizidales Verhalten, Substanzmissbrauch, Verkehrsunfälle und Kriminalität. Die Ergebnisse, in die Daten von fast 150.000 Personen eingeflossen sind, wurden in der Fachzeitschrift British Medical Journal (BMJ) veröffentlicht.1

Darum ging es in der ADHS-Studie

Die Forscher wollten gezielt herausfinden, welche Auswirkungen eine medikamentöse Behandlung von ADHS auf andere Lebensbereiche hat. Konkret ging es ihnen darum, zu ermitteln, ob die Medikamente risikoreiches Verhalten wie Suizidversuche, Drogenkonsum oder kriminelle Handlungen reduzieren. Schätzungen zufolge sind weltweit rund fünf Prozent der Kinder und zweieinhalb Prozent der Erwachsenen von ADHS betroffen. Häufig treten gleichzeitig Verhaltensweisen auf, die das Leben der Betroffenen und ihres Umfelds stark belasten. Da die Verschreibungen in den vergangenen Jahren zugenommen haben, wird intensiv über Wirksamkeit, Sicherheit und zusätzlichen Nutzen der Medikamente diskutiert. Während ihre Wirkung auf die ADHS-Hauptsymptome gut belegt ist, waren Erkenntnisse zu weiterreichenden Effekten bislang begrenzt.

Hilfe für Betroffene
Die „Deutsche Depressionshilfe“ rät, Betroffene offen darauf anzusprechen und ihnen bei Bedarf dabei zu helfen, einen Arzt oder Psychotherapeuten zu kontaktieren. Manchmal kann es auch notwendig sein, sie in eine psychiatrische Notfallambulanz zu begeben. Sollten Sie selbst Suizidgedanken haben: Die Telefonseelsorge unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 ist kostenfrei und steht rund um die Uhr zur Verfügung. Bei ernsten psychischen Notfällen erhalten Sie unter der Nummer 113 Hilfe.

Datenquellen und Ergebnisse

Für ihre Beobachtungsstudie analysierten die Forscher Daten von 148.581 Personen im Alter von 6 bis 64 Jahren. Bei allen lag die ADHS-Diagnose erst kürzlich zurück. Von diesen begannen 84.282 (etwa 57 Prozent) eine medikamentöse Behandlung mit dem Wirkstoff Methylphenidat (Ritalin). Zwei Jahre später verglichen die Forscher, inwieweit sich das Auftreten bestimmter negativer Ereignisse bei den beiden Gruppen unterschied. Dabei berücksichtigten sie Faktoren wie Alter, Geschlecht, Bildungsniveau, psychiatrische Diagnosen und die medizinische Vorgeschichte. Es zeigte sich, dass jene, die ihre Medikamente einnahmen, seltener von folgenden Ereignissen betroffen waren:

  • Suizidales Verhalten  (–17 Prozent)
  • Drogenmissbrauch (–15 Prozent)
  • Verkehrsunfällen (–12 Prozent)
  • kriminelle Handlungen (–13 Prozent)

Besonders ausgeprägt war der Effekt bei Personen, die solche Probleme bereits in der Vergangenheit hatten: In dieser Gruppe waren die Rückfallraten teils um 25 Prozent oder mehr reduziert.

Das Team verwendete für die Auswertung eine Methode namens „Target-Trial-Emulation“. Dabei werden Beobachtungsdaten so aufbereitet und analysiert, als stammten sie aus einer randomisierten kontrollierten Studie. Dieses Vorgehen orientiert sich an klar definierten Einschlusskriterien, festgelegten Nachbeobachtungszeiträumen und nutzt statistische Verfahren, um Unterschiede zwischen den Gruppen auszugleichen und Verzerrungen möglichst zu minimieren.

Auch interessant: So komplex äußert sich ADHS bei Erwachsenen

Wie lässt sich der zusätzliche Nutzen von ADHS-Medikamenten erklären?

Der an der Studie beteiligte Forscher Samuele Cortese vermutet, dass die durch die Medikamente verbesserte Aufmerksamkeit und Impulskontrolle für die beobachteten Effekte verantwortlich ist. „Beispielsweise könnte eine verringerte Impulsivität die Kriminalität senken, indem sie aggressives Verhalten eindämmt, während eine erhöhte Aufmerksamkeit das Risiko von Verkehrsunfällen verringern könnte, indem sie Ablenkungen minimiert“, erklärt er in einer Mitteilung der University of Southampton.2 Davon profitieren vor allem Menschen mit wiederkehrenden Verhaltensmustern, wie Drogenrückfällen oder wiederholten Straftaten. Zwar verringerten die Medikamente nicht das Risiko einer ersten Unfallverletzung, wohl aber die Wahrscheinlichkeit wiederkehrender Verletzungen.

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Einschränkungen der Studie

Die Studie ist die erste, die den positiven Nutzen von ADHS-Medikamenten auf weitere Lebensbereiche untersucht. Dennoch räumen die Forscher einige Einschränkungen ein. So handelt es sich weiterhin um eine Beobachtungsstudie. Trotz sorgfältiger Ausgleichsrechnungen konnten andere Faktoren wie die Schwere der ADHS, die Lebensumstände oder genetische Risiken nicht berücksichtigt werden. Zudem flossen keine Daten zu nicht medikamentösen Behandlungen, wie Verhaltenstherapien, ein. Studienleiter Dr. Zheng Chang hält die Befunde dennoch für robust: „Es wird derzeit darüber diskutiert, ob Methylphenidat in die Modellliste der unentbehrlichen Medikamente der Weltgesundheitsorganisation aufgenommen werden sollte. Wir hoffen, dass diese Forschungsergebnisse zu dieser Debatte beitragen werden.“

Weitere offene Fragen

Die Studie zeigt klare kurzfristige Vorteile von ADHS-Medikamenten. Aber bleiben diese Auswirkungen auch nach fünf oder zehn Jahren bestehen? Bleibt die Einnahme auch langfristig sicher? Die Studie berücksichtigt ebenso keine Daten zu Verhaltenstherapien oder Coaching. Stehen diese den ADHS-Medikamenten womöglich in nichts nach? Oder ließe sich der positive Effekt in Kombination sogar noch verstärken? FITBOOK hat sich mit diesen Fragen direkt an den Studienleiter Dr. Zheng Chang gewandt. Seine Antwort: „Das sind sehr wichtige Punkte. Aber leider wissen wir aus unseren Daten und aus der Praxis im Allgemeinen nicht viel darüber.“ Die Forschung stecke diesbezüglich noch in den Kinderschuhen. „Jetzt gilt es, möglichst viele Belege zu sammeln und mehr darüber herauszufinden“, betont der Wissenschaftler.

Quellen

  1. Zhang L, Zhu N, Sjölander A, Nourredine M, Li L, Garcia-Argibay M et al. (2025). ADHD drug treatment and risk of suicidal behaviours, substance misuse, accidental injuries, transport accidents, and criminality: emulation of target trials, British Medical Journal. ↩︎
  2. University of Southhampton. ADHD medication reduces risk of suicide, drug abuse and criminal behaviour, study finds. (aufgerufen am 15. August 2025) ↩︎

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