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Gefahr im Nacken

Was Sie übers Einrenken unbedingt wissen sollten

Ärztin untersucht Mann mit Schmerzen
Ein kurzer Ruck – mit möglicherweise langen und dramatischen Nachwehen. Besser als Manipulation ist die Mobilisation
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Viele Patienten mit einem steifen Nacken oder einer Blockade am Rücken erhoffen sich Linderung durch Einrenken. Andere warnen vor der orthopädischen Maßnahme, genauer gesagt vor ihren fatalen möglichen Folgen für die Gesundheit. FITBOOK sprach mit Experten darüber, ob und gegebenenfalls wann man sich einrenken lassen sollte und welche Risiken bestehen.

Edina Müller

Edina Müller, heute Rollstuhlbasketballerin und Parakanutin, hatte als Jugendliche Volleyball gespielt. 2000 kam es beim Einrenken durch einen Arzt zu einer schweren Verletzung, die ihr die Fähigkeit zu laufen nahm
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So gefährlich ist Einrenken wirklich

Schlaganfall, Querschnittslähmung – es gibt schockierende Geschichten von Behandlungsfehlern beim Arzt, Physiotherapeuten oder Heilpraktiker. Ob wir uns deshalb partout nicht mehr einrenken lassen sollten – das wollte FITBOOK von Experten wissen. Und tatsächlich sieht der Frankfurter Orthopäde Dr. med. Janusz Pomer die Behandlungsmethode selbst sehr kritisch. Obwohl er sie bei bestimmten Indikationen selbst anwendet. Niemals jedoch am Hals.

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„Die Wirbelsäule unterliegt durch Alltagsbewegung und Älterwerden stets Abnutzung“, erklärt der Experte. Besonders hoch seien Verschleiß und entsprechend Verletzungsanfälligkeit im Bereich des Halses – „und hier verlaufen wichtige Gefäße.“ Ein besonderer Risikofaktor ist ein verengter Spinalkanal. Dieser befindet sich in der gesamten Wirbelsäule und hat normalerweise einen Durchmesser von eineinhalb Zentimetern. „Bei manchen Menschen ist er von Natur aus enger, kann es aber auch im Zuge von Verschleißveränderungen werden. So entsteht Druck auf die Nervenstränge und Gefäße.“ Durch einen kräftigen Ruck könne es an diesen sensiblen Stellen zu Verletzungen kommen. Mögliche Folgen: Blutgerinnsel, Schlaganfall und Querschnittslähmung.

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Orthopädische Untersuchung

Bevor ein Arzt Hand anlegt, muss der Patient eingehend untersucht werden
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Auch im Lendenbereich sei extreme Vorsicht geboten. Beispielsweise würden Patienten mit einer vorgeschädigten Bandscheibe riskieren, dass diese beim Einrenken vollends rausspringt – ein Fall, der oftmals zum operativen Eingriff zwingt.

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Mehr und mehr Kritik an der Chiropraktik

Gutes Fachwissen und viel Erfahrung – beides wichtige Grundvoraussetzungen für einen behandelnden Arzt, bevor er sich an die Chiropraktik heranwagt. Wie Dr. Pomer erklärt, brauchen selbst Fachärzte dafür eine Extra-Ausbildung. Außer ihnen seien nur zertifizierte Chiropraktiker darauf geschult, nicht jedoch klassische Physiotherapeuten. Wenngleich sie es nicht dürfen, bieten viele von ihnen leidenden Patienten dennoch Linderung durch schnelles Einrenken an. Die einzig richtige Reaktion in diesem Fall: ablehnen. Das gilt noch natürlich auch für das vermeintlich gutgemeinte Angebot eines Freundes Sie schnell „einzurenken“!

Einrenken

Pomer berichtet von Bestrebungen in den USA, das Einrenken im Nackenbereich grundsätzlich zu verbieten. Grund sei das hohe Risiko der Behandlung und die hohe Dunkelziffer an Fällen, bei denen es erst Wochen später im Anschluss an die Behandlung zu fatalen Einblutungen gekommen sei
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Mobilisieren vs. Manipulieren

Wer vom Orthopäden mit Beschwerden zur Physiotherapie geschickt wird, soll wieder „mobilisiert“ werden, erklärt Dr. Pomer. Mobilisation verfolgt den gleichen Zweck wie Manipulation, also Einrenken. Hierbei wird das Gelenk jedoch nicht mit Kraft und einem schnellen Impuls in die richtige Richtung gelenkt, sondern wesentlich langsamer, mittels Dehnen und Stabilisation.

Auch Pomers Kollege, der Münchener Spezialist für Orthopädie und Wirbelsäule Dr. med. Martin Marianowicz, hält Einrenken nicht mehr für zeitgemäß. Aus mehreren Gründen. „Die Effekte sind immer nur kurzfristig“, erklärt er gegenüber FITBOOK. „Deshalb kommen viele Patienten, die sich knacksen lassen, nach kurzer Zeit mit den gleichen Beschwerden wieder.“

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Eigentlich dürfe manipulierende Einwirkung ausschließlich nach vorangegangener Röntgenaufnahme passieren. Nur so könne man laut Dr. Marianowicz Kontraindikationen ausschließen. Dennoch: „Ärzte nehmen sich heute keine Zeit mehr, einen Patienten lange zu untersuchen, zehn Minuten lang zu dehnen und seine Blockade so zu lösen. Ihn kurz einzurenken, ist da die schnellere Option.“ Wenn der Behandler mit voller Wucht auf die Brustwirbelsäule einwirkt, können schnell Rippenknochen zu Bruch gehen – gerade bei Osteoporose-Patienten ein häufig vorkommender „Fauxpas“ .

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Wie verhält man sich richtig?

Bei einer bestehenden Blockade rät Dr. Pomer zur Ruhigstellung mit einer Halskrawatte, zu Wärme durch einen Schal und langsamen Mobilisierungsmaßnahmen. Und keine Angst vor Schmerzmitteln! „Sie unterstützen die Physiotherapie, da sie die Beschwerden erträglicher machen und deshalb mehr Bewegung zulassen.“ Um Blockaden und schmerzhafte Verspannungen von vornherein zu vermeiden, empfehlen beide Experten stärkende Rückenübungen zur Kräftigung der Muskulatur; ebenso Entspannungsübungen kämen in Frage.

Rückenpatientin

Ein steifer Nacken sollte begleitend zur Therapie immer warm gehalten werden
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Anmerkung: Der von FITBOOK befragte Orthopäde Dr. Pomer ist mit der Autorin dieses Artikels verwandt.