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Geschlechtskrankheit

Was genau ist Syphilis – und wer ist besonders gefährdet?

Syphilis
Beim Syphilis-Erreger handelt es sich um das Bakterium Treponema pallidum subspecies pallidumFoto: Getty Images

Geschlechtskrankheiten sind auch heute noch in vielen Köpfen ein Tabu. Darüber mit Partner*innen, Freund*innen und Familie zu reden? Für viele mit Scham behaftet. Während HIV zumindest bei den allermeisten Menschen bekannt ist, klingt Syphilis für einige wie eine altertümliche Krankheit aus Zeiten der Pest oder Cholera. Dabei haben sich damit in Deutschland 2019 fast 8.000 Menschen infiziert. Hier erfahren Sie, wer besonders gefährdet ist, warum Kondome nur bedingt helfen und was es nach einer Ansteckung zu beachten gibt.

Es gibt ein paar Dinge, über die spricht man nicht gerne – obwohl man es dringend tun sollte. Sexuell übertragbare Krankheiten wie Syphilis sind so eine Sache: Alle wissen, dass sie existieren. Und dass Verhütung für alle Geschlechtsidentitäten und sexuelle Orientierungen wichtig ist – nicht nur für Hetero-Frauen, die nicht schwanger werden wollen. Und trotzdem: Wie ernst wird das Ansteckungsrisiko wirklich genommen?

Das Robert Koch-Institut (RKI) sammelt unter anderem auch Zahlen zu Syphilis-Infektionen. Im Jahr 2019 wurden dort 7889 Syphilis-Infektionen gemeldet. Das sind so viele wie noch nie seit Einführung des Infektionsschutzgesetzes im Jahr 2001. Von Januar bis Juli 2020 gab es zwar bundesweit einen Rückgang im Vergleich zum Vorjahreszeitraum von rund 3400 auf rund 3200 Infektionen – wohl auch bedingt durch die Kontaktbeschränkungen im Corona-Lockdown. In einigen Bundesländern stieg die Zahl dieser Infektionen in dem Zeitraum allerdings, etwa in Berlin von 651 auf 690.

Was ist Syphilis überhaupt?

Syphilis ist eine durch Bakterien übertragene Geschlechtskrankheit, die viele wahrscheinlich nur aus den Geschichtsbüchern kennen: Ab dem Ende des 15. Jahrhunderts wütete die „Lustseuche“ nämlich in ganz Europa – und das mit verheerenden Folgen. Bevor ein Heilmittel gefunden wurde, starben die Zeitgenossen von Casanova und Goethe, beide hatten gerne Spaß im Bett, reihenweise an Syphilis. Behandelt wurde die Infektion mit Arsen und Quecksilber – worauf hin die Patient*innen gerne mal einer Schwermetall-Vergiftung erlagen.

Heute ist Syphilis gut mit Antibiotika behandelbar. Wer sich infiziert haben könnte, lässt sich testen – frühzeitig erkannt ist die Infektion zwar unangenehm, aber heilbar. Nur wer sie ignoriert, hat ein Problem – unbehandelt kann die Syphilis schwere, zum Teil lebensbedrohliche Folgen haben.

Die Symptome von Syphilis

Syphilis verläuft in mehreren Stadien, es können ganz unterschiedliche Symptome auftreten. Zeitweise macht sich die Infektion gar nicht bemerkbar. Deshalb bleibt die Krankheit häufig unerkannt. Wenn Symptome auftreten, kann das zu Beginn oft ein kleines Geschwür sein: Da, wo der Erreger in den Körper eingedrungen ist, zum Beispiel am Penis, in der Scheide, im Analbereich oder am Mund. Hinzu kommen Schwellungen der Lymphknoten. Nach etwa acht Wochen kann es zu Beschwerden wie Fieber, Kopf- und Gelenkschmerzen kommen, Hautausschläge und Belag auf der Zunge sind ebenso häufige Anzeichen der Infektion.

Alle diese Krankheitszeichen klingen allerdings wieder von alleine wieder ab – danach macht sich die Syphilis meist nicht mehr bemerkbar. Vorbei ist es dadurch aber leider nicht. Nach Jahren kann es zur dritten Phase der Syphilis kommen: Dann treten überall am Körper Geschwüre auf. Auch die Organe und das Nervensystem können geschädigt werden – bis hin zu Taubheit, Blindheit und psychischen Problemen.

Auch interessant: Syphilis-Symptome ändern sich je nach Stadium

Wer ist besonders gefährdet?

„Die höchsten Infektionsraten sind bei Männern zu verzeichnen, die Sex mit Männern haben“, sagt Professor Dr. Norbert Brockmeyer, Präsident der Deutschen STI-Gesellschaft zur Förderung der Sexuellen Gesundheit (DSTIG), ansässig im WIR-Walk in Ruhr – Zentrum für Sexuelle Gesundheit und Medizin in Bochum.

Das heißt aber nicht, dass Syphilis eine reine Männerkrankheit ist: Auch wenn die Infektion heute zu gut 80 Prozent bei schwulen und bisexuellen Männern auftritt, sahen die Zahlen in den Siebzigern noch ganz anders aus: Damals lag die Verteilung zwischen weiblichen und männlichen Patient*innen bei 40 zu 60 Prozent. Denn durch „freie Liebe“ und die Popularität der Anti-Baby-Pille gab es damals auch hohe Syphilis-Raten bei Frauen. Generell, so Brockmeyer, trete die Infektion vor allem bei Menschen auf, die nicht immer und nicht richtig Kondome benutzen würden und nicht monogam leben.

Wie schützt man sich am besten gegen Syphilis?

Kondome schützen nur zu rund 60 Prozent vor einer Ansteckung mit Syphilis, erklärt Norbert Brockmeyer. Er rät deshalb, sich nach vier bis fünf wechselnden Sexualpartnern auf sexuell übertragbare Infektionen testen zu lassen – auch wenn man verhütet hat –, denn zum einen hat nicht jeder, der oder die Syphilis hat, Symptome – wodurch sich die Krankheit ungestört und unbemerkt wie ein Kettenbrief verbreiten kann. Zum anderen ist Syphilis, wie Chlamydien und Gonorrhö, eine Schmierinfektion – und kann auch durch Oralsex übertragen werden.

Man kann sich sogar durch heftige Zungenküsse mit Syphilis anstecken – hat der oder die Partnerin beispielsweise ein Geschwür im Mund, ist das höchst infektiös. Wer sich also regelmäßig auf die Infektion untersuchen lässt, kann im Fall einer Ansteckung schnell behandelt werden und schützt damit nicht nur sich selbst, sondern auch andere.

Warum ist Syphilis wieder auf dem Vormarsch?

Laut Robert-Koch-Institut geht das hauptsächlich auf eine Zunahme von Infektionen bei homosexuellen Männern in Großstädten zurück – eine Entwicklung, die auch in anderen europäischen Großstädten beobachtet wird. Klar, hier wird gefeiert, gedatet und geflirtet, was das Zeug hält – sind ja genug potenzielle Partner da.

Brockmeyer wirft ein, dass Dating-Apps natürlich auch eine große Rolle spielen: Schließlich war es dank Tinder, Grinder, OkCupid oder GayRomeo nie einfacher, schnell zu willigen Sexpartner*innen zu kommen als heute. Mit wem der oder die Fremde davor geschlafen hat, wie streng die Person Verhütung und regelmäßige Test nimmt und ob sie vielleicht – sogar ohne es selbst zu wissen – eine Geschlechtskrankheit oder sexuell übertragbare Infektion hat, lässt sich bei einem Quickie auf der Clubtoilette oder dem spontanen One-Night-Stand nicht rausfinden.

Auch interessant: Menschen über 45 haben höheres Risiko für Geschlechtskrankheiten

Warum lassen sich Menschen nicht regelmäßiger auf Syphilis testen?

Zum einen werden sexuell übertragbare Krankheiten und Infektionen heute wie früher stigmatisiert: Wer spricht schon gerne freiwillig darüber, wenn es im Schritt brennt oder juckt? Wer redet generell offen über Sex – und mit wem? Und wie? Oft fehlt Menschen das passende Vokabular für alles, was sich unterhalb des Bauchnabels abspielt, sagt Brockmeyer. Unsere Erziehung und die gesellschaftliche Tabuisierung von Sexualität mache es vielen schwer, offen mit Ärzt*innen zu kommunizieren.

„Dazu kommt die Angst vieler, sich diagnostizieren zu lassen“, sagt der Mediziner. Das sei bei allen Krankheiten so – die Leute würden die Symptome aus der Angst vor der Wahrheit verdrängen. Und weil sich bei Geschlechtskrankheiten das Mitleid Außenstehender vielleicht eher in Grenzen hält und Betroffene Angst vor Vorurteilen oder Verurteilungen haben, werden diese Infektionen lieber totgeschwiegen. Dabei wissen wir doch mittlerweile alle: Ein offener Umgang mit Tabuthemen empowert und hilft! Und Beratungs- und Teststellen sind genau dafür da – hier wird einem geholfen, ganz wertungsfrei.

Informations- und Beratungsstellen zu Syphilis

Informationen und Testmöglichkeiten werden meist über die Gesundheitsämter oder Zentren für sexuelle Gesundheit angeboten. Infos und Beratungen gibt es außerdem bei Liebesleben.de, der Präventiv-Seite der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA). Auch über Aids-Hilfestellen, etwa die Deutsche Aidshilfe, findet man Ansprechpartnerinnen für Syphilis.

Für Mitglieder der LGBTQ-Community gibt es meistens extra Schutzräume, also spezielle, unabhängige, ortsgebundene Organisationen und Vereine, die Teststellen speziell für homosexuelle (Männer) und trans* Menschen führen.

Das Walk In Ruhr – Zentrum für Sexuelle Gesundheit und Medizin bietet einen Online-STI-Risikotest an, über den man schnell und einfach herausfinden kann, ob man sich vielleicht mal testen lassen sollte.

Oft muss man – gerade jetzt in Corona-Zeiten – vorher einen Termin vereinbaren oder sich telefonisch beraten lassen. Das ist einfach und unkompliziert – und kann anonym geschehen: Man muss am Telefon nicht den Namen nennen, auch in den Teststellen selbst wird meist mit Nummern, Codewörtern oder Synonymen gearbeitet.

(dieser Artikel erschien zuerst bei Noizz)