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Geräuschbelastung reduzieren

Schlafen bei offenem Fenster – Schall-Technologie soll Straßenlärm reduzieren

Straßenlärm: Eine Frau hält sich im Bett die Ohren mit einem Kissen zu
Flugzeuglärm, LKW-Gedröhne, Berufsverkehr: All das raubt uns bei offenem Fenster den SchlafFoto: Getty Images

Endlich bei offenem Fenster durchschlafen – ohne von Autos, Straßenbahnen und anderem Verkehrskrach gestört zu werden. Dieser Traum könnte in naher Zukunft wahr werden. Das verspricht jedenfalls eine neue Technologie, die den quälenden Straßenlärm einfach schluckt.

19. April 2020 – Lockdown. Ganz Europa steht still. In Berlin ist die Luft so rein, dass man den Duft der Kirschbaum-Blüten noch Straßen entfernt riechen kann. Und dann diese unerhörte Stille in der Stadt. Null Straßenlärm – die totale Entschleunigung.

Schnitt. Heute: Der Straßenlärm scheint doppelt so laut zu brüllen wie vor Corona. Auf Spree und Havel dröhnen die Schiffsmotoren um die Wette. Und auch außerhalb der Großstädte kann man dem Alltagslärm kaum aus dem Weg gehen. Stichwort: Durchgangsverkehr. Wie jedes Jahr verschärft sich das Lärmproblem in den Sommermonaten. Denn bei hohen Temperaturen versuchen viele Menschen notgedrungen bei offenem Fenster Schlaf zu finden. Dem Krach von draußen sind sie dabei schutzlos ausgeliefert. Eine Erfindung aus Asien will dieses Problem in naher Zukunft in den Griff bekommen.

Schall-Technologie schluckt Straßenlärm

Ein Forscherteam um den Physiker Bhan Lam von der Nanyang Technological University (Singapur), einer der Elite-Universitäten auf ihrem Gebiet weltweit, hat ein System entwickelt, das den durch offene Fenster eindringenden Straßenlärm effektiv mindern soll. Idealerweise so sehr, wie bei geschlossenen Fenstern. Die Wissenschaftler haben ihre schallschluckende Erfindung kürzlich im renommierten Fachmagazin „Nature“ vorgestellt.

Wie funktioniert der Schallschlucker?

Das Prinzip kennt man von Kopfhörern mit Noise-Cancelling. Ein kleines Mikrofon nimmt den Geräuschpegel auf. Das Signal wird durch einen Computer quasi in Echtzeit umgerechnet und anschließend über 24 kleine Lautsprecher ausgespielt. Allerdings mit einer winzigen Verzögerung. Folge:

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Wo ist der Haken?

Was die Forscher schreiben, klingt erstmal traumhaft für jeden Lärmgeplagten. Kleiner Wermutstropfen: Bis jetzt haben die Wissenschaftler den Lärmpegel lediglich um zehn Dezibel reduzieren können. Straßenlärm wäre dadurch aber immerhin nur noch halb so laut. Und auch Flugzeuge, die über das Haus donnern, würde man dank der Technologie viel leiser wahrnehmen.

Straßenlärm: Zeichnung des Prototyps zur Reduktion von Straßenlärm
Prototyp des Schallschluckers aus SingapurFoto: credit Nanyang Technological University

Bei hohen Frequenzen über 1000 Herzt stößt das Noise-Cancelling-Verfahren allerdings an seine Grenzen. Hohe Stimmen oder beispielsweise schrilles Gelächter aus der Kneipe nebenan können die Forscher bislang nicht herausfiltern. Noch ist zudem nicht klar, inwieweit Windgeräusche den Schallschlucker beeinträchtigen.

Wann ist das System einsatzbereit?

Die Wissenschaftler der Technische Universität Nanyang rechnen damit, dass ihre Erfindung in fünf bis zehn Jahren marktreif ist. Denn bislang liegt das System nur als Prototyp vor. Und der sieht noch nicht sonderlich schön aus: Die 24 Mini-Lautsprecher müssen an Gitterstäben vor einem offenen Fenster befestigt werden. Physiker Bahn Lam plant jedoch, ein Fenstersystem ohne Gitter zu konstruieren.

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12.000 Todesfälle jährlich durch Straßenlärm

Schon im März 2020 veröffentlichte die Europäische Umweltagentur eine Studie, wonach mindestens jeder fünfte Europäer gesundheitsschädlichem Lärm ausgesetzt ist. Anders ausgedrückt: 113 Millionen Menschen ertragen Tag und Nacht einen Straßenlärm von über 55 Dezibel. 22 Millionen müssen Krach durch Zugverkehr aushalten (besonders schlimm sind hier Güterzüge in der Nacht).  Vier Millionen Menschen sind von Fluglärm betroffen und immerhin eine Million durch Industrielärm. Folge: Rund 6,5 Millionen Menschen leiden in Europa dauerhaft unter schweren Schlafstörungen. 12.000 vorzeitige Todesfälle sind lärmbedingt zu verzeichnen. Auch der Ausblick in die Zukunft ist düster: Der Lärmpegel wird in den nächsten Jahren weiter steigen, warnen die Forscher der EU-Umweltagentur.

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