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Prosopagnesie

Gesichtsblindheit – Ursachen und Diagnose der Wahrnehmungsstörung

Wahrnehmungsstörung Gesichtsblindheit: Anonyme Menschenmenge
Was steckt hinter der Wahrnehmungsstörung Prosopagnosie, auch bekannt als Gesichtsblindheit?Foto: Getty Images

Was ist denn mit ihr los – warum sagt sie nicht Hallo? Es ist irritierend, wenn jemand, den man kennt, nicht grüßt. Doch hinter diesem Verhalten kann eine Wahrnehmungsstörung stecken. Propognasie führt dazu, dass Betroffene andere Menschen anhand von Gesichtern nicht erkennen können.

Manche Menschen sind gesichtsblind, was bedeutet, dass sie weder ihre eigenen Familienmitglieder noch Arbeitskollegen oder Freunde ohne Weiteres erkennen. Während Fachleute von Prosopagnosie sprechen, ist umgangssprachlich eher der Begriff Gesichtsblindheit für die Wahrnehmungsstörung geläufig. Meist ist sie auf einen Gendefekt zurückzuführen. Sehr selten steckt eine Schädigung bestimmter für die Gesichtserkennung wichtiger Nervenzellen im Hirn aufgrund von Erkrankungen oder Unfällen dahinter.

Diagnose

Die medizinische Forschung gehe heute davon aus, dass ein bis zwei Prozent der Weltbevölkerung von Gesichtsblindheit betroffen seien, erklärt der Arzt und Neurowissenschaftler Valentin Riedl, der einen Dokumentarfilm zum Thema gemacht hat („Lost in face“). Auf Deutschland heruntergerechnet wären das rund 800.000 bis 1,6 Millionen gesichtsblinde Menschen. Da die Wahrnehmungsstörung unterschiedlich stark ausgeprägt sein kann, ist sie jedoch nicht immer leicht zu diagnostizieren.

Menschen, die an Gesichtsblindheit leiden, haben kein Problem damit, sich grundsätzlich zu merken, ob sie eine Person kennen oder nicht. Sie können jedoch das Gesicht – vor allem unter einer Auswahl von Gesichtern, wie z.B. in einer Menschenmenge – der ihnen bekannten Person nicht zuordnen. Generell wird davon ausgegangen, dass Prosopagnosie mit den Prozessen im Gehirn zusammenhängt, die für die Verarbeitung visueller Informationen von Gesichtern zuständig sind.1

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Cambridge Face Memory Test

In einem ersten Schritt kann ein verhaltenspsychologischer Test wie der „Cambridge Face Memory Test“ helfen. Die teilnehmende Person wird durch eine Reihe von Tests zur Gesichtserkennung geführt. Bei diesen geht es darum, sich ein neues Gesicht zu merken und es später unter einer Reihe von Gesichtern zu identifizieren. Runde für Runde werden die Erkennungsaufgaben anspruchsvoller. Wenn man bei dem Online-Test schlecht abschneidet, kann dies auf eine Wahrnehmungsstörung hindeuten. Auf der Basis kann dann in detaillierteren Untersuchungen eruiert werden, ob tatsächlich eine Prosopagnosie vorliegt.

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Ursachen

Erworbene Prosopagnesie

Der Begriff Prosopagnesie wurde vom deutschen Psychiater und Neurologen Dr. Joachim Bodamer eingeführt, als er 1947 in einem Paper die Krankheit und ihre Symptome beschrieb.2 Lange ging man davon aus, dass die Gesichtsblindheit vor allem eine seltene Folge von Kopfverletzungen oder Schlaganfällen ist. Mittlerweile hat die Forschung zeigen können, dass die Wahrnehmungsstörung sich in den meisten Fällen aber allmählich entwickelt und vererbt ist.

Angeborene (kongenitale) Prosopagnesie

Erst seit 1976 ist die angeborene Form der Wahrnehmungsstörung bekannt. Seitdem konnten Wissenschaftler wie Prof. Ingo Kennerknecht vom Institut für Humangenetik am Universitätsklinikum Münster und sein Forscherteam in Studien zeigen, dass die angeborene Prosopagnosie mit einer weltweiten Prävalenz von 2 bis 3 Prozent sehr häufig ist und praktisch immer familiär auftritt.3

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Therapie

Vieles ist über die Wahrnehmungsstörung weiterhin unbekannt. So gibt es seltene Fälle, bei denen sie von allein wieder verschwindet. Die angeborene Variante, die sich allmählich weiterentwickelt, stellt eine lebenslange Beeinträchtigung dar. Denn aktuell ist noch zu wenig über den genetischen Hintergrund und seine Auswirkungen auf die Prozesse im Gehirn bekannt. Eine ursächliche Therapie für Prosopagnosie gibt es daher noch nicht, doch arbeiten Forscher daran, Wege zu finden, um Betroffenen helfen zu können.4

mit Material von dpa

Quellen