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Nachgefragt beim Orthopäden

Wie gefährlich ist es, sich einrenken zu lassen?

Einrenken
Nicht nachhaltig, risikobehaftet und überholt: Orthopäde und Unfallchirurg Mathias Schettle ist kein Fan von EinrenkenFoto: iStock/bymuratdeniz

Viele Patienten mit einem steifen Nacken oder einer Blockade im Rücken erhoffen sich Linderung durch Einrenken. Doch die orthopädische Maßnahme birgt ein hohes Restrisiko. Erfahren Sie hier, welche Herangehensweise an Blockaden ein Experte stattdessen empfiehlt.

Eine falsche Bewegung und …  krack! … Nichts geht mehr. Viele Erwachsene haben es schon einmal erlebt, dass jeder noch so kleine Versuch, den steifen Hals zu bewegen oder sich irgendwie aufzurichten, Tränen in die Augen treibt. Was dagegen helfen soll: Einrenken beim Chiropraktiker, also eine gezielte, ruckartige Krafteinwirkung von außen, die Blockaden lösen soll. Ob und gegebenenfalls wann man sich aus Sicht eines Experten überhaupt einrenken lassen sollte, welche Risiken bestehen und welche Methode möglicherweise sinnvoller ist, erfahren Sie hier.

Experte über mögliche Schäden durch das Einrenken

Die Schauergeschichten, die man rund um das Einrenken (auch Manipulation genannt) und dessen gravierenden Folgen hört (Stichwort: Schlaganfall, Querschnittslähmung) seien meist auf die Manipulation der Halswirbelsäule zurückzuführen, erklärt der Münchner Facharzt für Orthopäde und Unfallchirurgie Dr. med. Mathias Schettle gegenüber FITBOOK. Im Bereich der hinteren Wirbelsäule durch den Knochen laufen Schlagadern, die sehr empfindlich sind. „Wenn man da nicht vernünftig manipuliert oder beim Patienten eine Vorschädigung im Bereich der knöchernen Strukturen oder der Gefäße selbst besteht, kann das zu Verletzungen dieser Gefäße führen“, erläutert der Experte. So könne ein Schlaganfall oder Lähmungen die Folge sein.

Doch damit nicht genug: Auch die Nerven können durch das Einrenken geschädigt werden. Nervenreizungen und Nervenschädigungen, die mit Gefühlsstörungen einhergehen können, nennt Dr. Schettle als mögliche weitere Folgen der Manipulation. „Außerdem haben Wirbelgelenke sie umgebende Gelenkkapseln, die durch das Einrenken verletzten werden können, wenn man nicht vorsichtig ist.“

Warum Einrenken als Methode überholt ist

Auch wenn diese schweren Risiken des Einrenkens nach Aussage von Dr. Schettle „nicht sehr groß“ sind – alleine aufgrund des inzwischen reichlich vorhandenen Wissens darum hält der Orthopäde die Behandlungsmethode für überholt. Hinzu kommt: Wenn es schmerzt und man unter Verspannungen leidet, sei ein schnelles Einrenken schon alleine deshalb nicht die ideale Lösung, weil man zunächst eine Schmerzursache herausfinden müsse, um nachhaltig therapieren zu können. „Nicht jeder Schmerz, beispielsweise im Nackenbereich oder auch im Brustbereich ist gleich immer eine Blockade“, weiß der Orthopäde.

Eine ausführliche Diagnostik durch einen Arzt hält er bei Schmerzen und Verspannungen für besonders wichtig. Erst, wenn die Schmerzursache klar ist, sollte man einen möglichen Therapieansatz diskutieren. Ganz grundsätzlich rät Dr. Schettle zu einer sanfteren Herangehensweise als dem schnellen „Knick-Knack“: der sogenannten Mobilisation.

Blockaden mit sanfterer Methode lockern und lösen

Bei der Mobilisation wird das Gelenk nicht, wie bei der Manipulation, mit Kraft und schnellem Impuls in die richtige Richtung gelenkt – sondern wesentlich langsamer – mittels Dehnen und Stabilisation. „Bei der Mobilisation geht man mit repetitiven [sich wiederholenden, Anm. d. Red.] Bewegungen ganz sanft an das Gewebe ran, um damit Blockaden zu lockern und zu lösen“, erklärt Dr. Schettle gegenüber FITBOOK. Er hält die etwas länger dauernde Mobilisations-Therapie für die „beste Alternative zur klassischen Chirotherapie“.

Was bringen Schmerzmittel, Wärmezufuhr und Akupunktur?

Bei einer bestehenden Blockade rät der Fachmann zur Ruhigstellung mit einer weichen Halskrawatte sowie Wärmezufuhr. Erste Abhilfe schaffen außerdem Schmerzmittel oder muskelentspannende Medikamente. Auch mit „klassischer Triggerpunkt-Akupunktur, bei der man die Akupunkturnadeln in die verhärteten Muskulaturstrukturen steckt, kann man sehr viel erreichen“.

Fazit

Auch wenn man schon häufiger Schauergeschichten rund um das Thema Einrenken gehört hat, schätzt Dr. Schettle das Risiko „in Anbetracht der Gesamtheit aller manipulierten Patienten als insgesamt gering“ ein. Allerdings bestünde ein gewisses Restrisiko mit teilweise fatalen Folgen. Ratsam ist es daher, die nachhaltigere, sanftere Variante der Mobilisation zur Lockerung einer Blockade zu wählen; natürlich alles in Absprache mit einem Arzt, der vorher eine Diagnose gestellt hat.