23. Dezember 2025, 4:08 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Wie tausend kleine Nadelstiche oder ein krabbelnder Ameisenhaufen: Dieses Gefühl kennt wohl jeder, dem schon einmal Arme oder Beine eingeschlafen sind, wenn diese dann langsam wieder aufwachen. Ein Neurologe klärt auf über die möglichen Ursachen für eingeschlafene Körperteile auf und sagt, wann man handeln und zum Arzt gehen sollte.
Warum Arme und Beine überhaupt „einschlafen“
Aber was genau passiert im Körper, wenn Arme, Beine, Hände oder Füße einschlafen? „Aus neurologischer Sicht ist bei eingeschlafenen Körperteilen die Leitfähigkeit der Nerven gestört“, erklärt Prof. Dr. med. Gereon Nelles, Facharzt für Neurologie in Düsseldorf und Vorstandsmitglied im Berufsverband Deutscher Nervenärzte (BVDN) auf FITBOOK-Nachfrage. Es bedeutet, dass diese Körperteile Informationen nicht mehr richtig über die Nerven weiterleiten können. Nervenfasern senden dann Signale an das Gehirn, um darauf hinzuweisen, dass gerade etwas nicht stimmt. Dieses Signal nehmen wir als das typische Taubheitsgefühl für eingeschlafene Gliedmaßen wahr.
Neurologe über häufigste Ursache
„Die häufigste Ursache für eingeschlafene Körperteile ist, dass Nerven bzw. Nervenäste mechanisch belastet werden“, erklärt Nelles. Das passiere oft, wenn man in einer „falschen“ Position sitzt oder liegt. Etwa auf dem Bein oder Fuß, und dadurch Druck von außen auf den Nerv ausübt. Oder wenn man sich im Schlaf über längere Zeit auf seinen Arm legt und ihn dadurch belastet.
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Mögliche medizinische Ursachen
Sollten Arme, Beine oder andere Körperteile regelmäßig einschlafen, kann das allerdings noch eine andere medizinische Ursache haben. Man spricht hier von den sogenannten Engpasssyndromen. Nelles: „Das sind anatomische Engstellen im Körper, die zu Beschwerden führen können, wenn sie so eng sind, dass sie die Nerven, die dort durchlaufen müssen, dauerhaft belasten.“ Typische Stellen für solche Verengungen sind das Handgelenk (Stichwort: Karpaltunnelsyndrom, das mit Abstand häufigste Kompressionssyndrom eines peripheren Nervs), die Innenseite des Ellenbogens, das Schlüsselbein oder auch das Sprunggelenk. Ursächlich dafür sind meist die Knochenstruktur, Muskeln, Bänder oder verdicktes Bindegewebe.
Seltener können Taubheitsgefühle auch andere Ursachen haben – etwa Stoffwechselstörungen wie Diabetes, Vitamin-B12-Mangel oder Erkrankungen der peripheren Nerven (Polyneuropathien). Diese Formen unterscheiden sich jedoch deutlich von dem typischen ‚Einschlafen‘ nach Druckbelastung und treten meist unabhängig von Position oder Bewegung auf.“
Warum das „Wiederaufwachen“ so unangenehm ist
Richtig unangenehm werden eingeschlafene Arme, Beine oder andere Körperteile vor allem dann, wenn sie langsam wieder aufwachen. Was dahintersteckt, erklärt der Neurologe so: „Sobald der Nerv von der Druckbelastung befreit wurde, die das Taubheitsgefühl verursacht hat, reagiert er darauf mit einer überschießenden Aktivität. Er leitet sozusagen Reize erst einmal unkontrolliert und ungefiltert weiter. Das nehmen wir dann als Übersensibilität wahr.“
Heißt also: Es piekst und kribbelt in Armen und Beinen, obwohl da eigentlich gar nichts ist. Der Nerv brauche dann laut Prof. Nelles einfach ein paar Minuten Zeit, um sich wieder neu zu sortieren. Dann seien die Beschwerden in der Regel auch wieder vorbei. Angenehmer machen kann man den Aufwachprozess übrigens nicht. „Das muss man einfach aushalten. Es ist aber weder gefährlich, noch kann irgendetwas dadurch geschädigt werden.“ Meistens handele es sich dabei aber auch eher um Sekunden, als um mehrere Minuten.
Wann man entspannen kann und wann man zum Arzt gehen sollte
Wenn eingeschlafene Arme oder Beine nur die Folge einer ungünstigen Sitz- oder Schlafposition sind, muss man laut Nelles nicht zum Arzt gehen. Medizinisch abgeklärt werden sollte jedoch „das wiederkehrende Auftreten von eingeschlafenen Armen, Beinen oder anderen Körperteilen“ – dies sei auf keinen Fall ein Normalzustand.
Wichtig sei es vor allem, darauf zu achten, ob die Taubheitsgefühle im Alltag regelmäßig auftreten und zu Beschwerden oder Funktionsstörungen der entsprechenden Körperteile führen.
Halbseitige Taubheitsgefühle können Hinweis auf Schlaganfall sein
Treten Taubheitsgefühle jedoch plötzlich und vor allem halbseitig am gesamten Körper auf – insbesondere gemeinsam mit Schwäche, Sprach- oder Sehstörungen –, kann dies ein Hinweis auf einen Schlaganfall sein. In diesem Fall sollte sofort der Notruf gewählt werden.
Was kann hinter einem Taubheitsgefühl stecken?
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Behandlung
Das Problem lässt sich laut Nelles unkompliziert beheben. „Die Engpasssyndrome zum Beispiel kann man in der Regel sehr gut operieren“, weiß der Neurologe. Bei weniger starken Beschwerden könne auch eine physiotherapeutische Behandlung ausreichen. Am Handgelenk hilft laut Nelles besonders nachts das Tragen einer Handschiene.
Gliedmaßen eingeschlafen – was man selbst tun kann
Wie man vorgehen kann, wenn ein Arm oder Bein „eingeschlafen“ ist:
- Druck entlasten und Position ändern (z. B. aufstehen, umsetzen und/oder den betroffenen Bereich sanft bewegen oder strecken)
- Sanft massieren oder leicht bewegen
- Ein warmes Tuch oder eine Wärmflasche auf die betroffene Stelle kann die Durchblutung fördern und das unangenehme Kribbeln (Ameisenlaufen) lindern1
Vorbeugen kann man wiederkehrenden Taubheitsgefühlen durch häufige Bewegungspausen bei langem Sitzen, bewusstes Wechseln der Haltung sowie leichte Dehnübungen – das ist besonders sinnvoll, wenn man viel sitzt oder körperlich wenig aktiv ist.