17. Dezember 2025, 15:29 Uhr | Lesezeit: 4 Minuten
Millionen von Menschen sind allein in Deutschland von Haarausfall betroffen, darunter sowohl Männer als auch Frauen. Männer sind jedoch im Laufe ihres Lebens etwa doppelt so häufig betroffen wie Frauen. Eine aktuelle Studie hat eine bislang unbekannte Ursache für Haarausfall identifiziert. Das erklärt auch, warum viele Haarwuchsmittel nicht wirken.
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Haare wachsen anders als bislang angenommen
Die häufigste Form des Haarausfalls ist erblich bedingt. Sie wird als androgenetische Alopezie bezeichnet. Rund 70 Prozent aller Männer und etwa 40 Prozent aller Frauen sind im Laufe ihres Lebens davon betroffen.1 Damit geht oft ein starker Leidensdruck einher, denn natürlich möchte jeder am liebsten das Haarwachstum wiederherstellen. Kein Wunder also, dass Betroffene zu einem der zahlreich vorhandenen Haarwuchsmittel greifen. Doch nicht immer schlagen sie an. Nun haben Forscher in einer aktuellen Studie eine neue Ursache für Haarausfall entdeckt.2 Denn offenbar funktioniert das Haarwachstum anders als bislang angenommen. Dies könnte der Grund sein, warum viele der Haarwuchsmittel nicht wirken.
Haare werden nach oben gezogen und nicht gedrückt
Forscher vom französischen L’Oréal Forschungs- und Innovationsinstitut sowie von der britischen Queen Mary Universität haben die Entwicklungsdynamik von menschlichen Haarzellen und Haarfollikeln unter kontrollierten Laborbedingungen (Ex-vivo-Kulturen) untersucht. Mithilfe eines 3D-Live-Bildgebungssystems stellten sie fest, dass Haarwachstum anders verläuft, als bislang angenommen. Die Haare werden nämlich nicht von unten nach oben gedrückt, sondern durch einen äußeren Zugmechanismus des Haarfollikels nach oben gezogen.
Zellbewegung des Haarfollikels ist entscheidend
Dabei spielt eine spezielle Zellbewegung im äußeren Bereich des Haarfollikels offensichtlich eine entscheidende Rolle. Die Zellen an der Außenseite bewegen sich nämlich spiralförmig nach unten, während das Haar selbst nach oben wandert. Dieser Mechanismus erzeugt eine Zugkraft, die das Haar nach oben zieht. Eine Erkenntnis über das Wachstum von Haaren, die bislang unbekannt war, damit also gänzlich neu ist.
In ihrer Studienauswertung sprechen die Forscher von einer „faszinierenden Choreografie“ beim Vorgang des Haarwachstums. Bislang ging man davon aus, dass allein die Zellteilung dafür verantwortlich sei, dass ein Haar nach oben gedrückt werde. „Wir haben jedoch herausgefunden, dass es stattdessen aktiv vom umgebenden Gewebe nach oben gezogen wird, das dabei fast wie ein winziger Motor wirkt“, sagt Dr. Inês Sequeira, eine der verantwortlichen Studienautorinnen, in einer Pressemitteilung der Queen Mary Universität in London.3
Macht ein bislang kaum bekanntes Protein Haarausfall bald rückgängig?
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Forscher finden wahre Ursache für Haarausfall
Diese neue Erkenntnis verändert auch die Sicht auf die Mechanismen hinter Haarausfall. Um dies besser zu verstehen, haben die Forscher einen Test durchgeführt. Sie blockierten die Zellteilung im Follikel. Dies müsste eigentlich das Haarwachstum zum Stillstand bringen. Erstaunlicherweise wuchs das Haar aber nahezu unverändert weiter. Im zweiten Schritt deaktivierten sie ein Protein namens Aktin. Dieses Protein ermöglicht den Zellen, sich zusammenzuziehen und zu bewegen. Der Eingriff führte dazu, dass die Haarwachstumsrate um mehr als 80 Prozent sank. Darüber hinaus zeigten Computermodelle, dass diese Zugkraft, die mit einer koordinierten Bewegung in den äußeren Schichten des Follikels korreliert, entscheidend dafür war, die beobachteten Geschwindigkeiten der Haarbewegung zu erreichen.
„Dies zeigt, dass das Haarwachstum nicht nur durch die Zellteilung angetrieben wird, sondern dass die äußere Wurzelscheide das Haar aktiv nach oben zieht“, erläutert Dr. Thomas Bornschlögl, ebenfalls einer der Hauptautoren der Studie.
Neue Therapien gegen Haarausfall möglich
Diese Studie könnte die Behandlung von Haarausfall maßgeblich beeinflussen. Bislang regen Haarwuchsmittel nämlich meist die Zellteilung an. Die Studie zeigt jedoch, dass andere Mechanismen, wie die äußere Zugkraft der Außenzellen, entscheidender sind. Diese neue Sichtweise auf die Mechanik der Haarfollikel eröffnet neue Möglichkeiten für die Erforschung und Behandlung von Haarausfall. So könnten womöglich neue Medikamente entwickelt werden. Auch die Gewebezüchtung als Teil der regenerativen Medizin könnte neu ausgerichtet werden. Es werden zwar noch weitere Studien benötigt, aber ein erster Schritt ist getan. Und damit gibt es auch neue Hoffnung für Menschen, die unter ihrem Haarausfall leiden.