25. Februar 2026, 4:12 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Normalerweise kommen etwas mehr Jungen als Mädchen zur Welt. Doch bleibt das so, wenn es während der Schwangerschaft besonders viele heiße Tage gibt? Eine internationale Analyse mit fast fünf Millionen Geburten hat genau das untersucht – über mehr als zwei Jahrzehnte hinweg. Das Ergebnis deutet auf einen Zusammenhang hin. Neben der Temperatur scheinen aber auch die Schwangerschaftsphase sowie das Land, in dem das Kind geboren wird, eine Rolle zu spielen. FITBOOK erklärt die spannenden Studienerkenntnisse.
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Ein stabiles biologisches Muster – mit sensiblen Reaktionen
Gerade weil sich das Verhältnis von Jungen zu Mädchen normalerweise nur wenig verändert, fallen selbst kleine Verschiebungen auf. Solche Abweichungen können darauf hindeuten, dass während der Schwangerschaft besondere Umstände vorlagen und gewirkt haben.
In der Forschung gibt es seit Langem Hinweise darauf, dass männliche Embryonen empfindlicher auf Belastungen reagieren könnten als weibliche.1 Kommt es unter Stress häufiger zu sehr frühen Schwangerschaftsverlusten, kann das statistisch dazu führen, dass am Ende weniger Jungen geboren werden. Frühere Studien haben gezeigt, dass extreme Belastungen wie Naturkatastrophen oder Hungersnöte mit einem sinkenden Anteil männlicher Geburten einhergehen können. Zudem gibt es Hinweise darauf, dass hohe Außentemperaturen das Risiko von Schwangerschaftsverlusten erhöhen.2,3
Die vorliegende Analyse prüft nun anhand von fast fünf Millionen Geburten in Subsahara-Afrika und Indien, ob sich ein solcher Zusammenhang auch für alltägliche Temperaturunterschiede während der Schwangerschaft nachweisen lässt – und ob sich dabei Unterschiede zwischen beiden Regionen zeigen.
In Indien kommt zusätzlich ein gesellschaftlicher Faktor hinzu. Dort dokumentieren Daten seit Jahren einen erhöhten Jungenanteil, hinter dem die Forschung eine starke Bevorzugung von Söhnen und geschlechtsselektive Schwangerschaftsabbrüche vermutet.4
Fast fünf Millionen Geburten – und tägliche Temperaturdaten
Die Studie wertete 4.958.918 Lebendgeburten zwischen 2000 und 2022 aus. Davon entfielen 2.981.905 Geburten auf 33 Länder in Subsahara-Afrika und 1.977.013 auf Indien.5
Für jede Geburt wurden tägliche Höchsttemperaturen am Wohnort der Mutter berücksichtigt. Da meist nur Geburtsmonat und -jahr vorlagen, wurde die Schwangerschaft näherungsweise in drei Abschnitte unterteilt: frühes, mittleres und spätes Drittel.
Die Forscher unterschieden fünf Temperaturbereiche in 5-Grad-Schritten:
- unter 15 Grad,
- 15 bis 20 Grad,
- 20 bis 25 Grad,
- 25 bis 30 Grad
- und über 30 Grad.
Als Vergleich nahmen die Forscher Tage mit Temperaturen zwischen 15 und 20 Grad – also weder kühl noch besonders heiß. Danach berechneten sie, ob sich der Anteil der Jungen bei der Geburt verändert, wenn in einem Abschnitt der Schwangerschaft mehr Tage mit höheren Temperaturen auftreten.
Dabei berücksichtigten sie, dass es zwischen Regionen Temperaturunterschiede gibt, dass sich das Wetter im Jahresverlauf verändert und sich über die Jahre insgesamt Entwicklungen ergeben können. Die Analyse zeigt statistische Zusammenhänge, beweist aber keine direkte Ursache.
Subsahara-Afrika: Der Zusammenhang liegt in der frühen Phase
In Subsahara-Afrika zeigte sich der Zusammenhang vor allem in den ersten drei Monaten der Schwangerschaft. Wenn in dieser frühen Phase mehr Tage mit sehr hohen Temperaturen über 30 Grad auftraten, sank der berechnete Anteil der Jungen bei der Geburt von ungefähr 104 auf etwa 101 Jungen pro 100 Mädchen.
Dabei handelt es sich nicht um eine direkt beobachtete Entwicklung in einer bestimmten Region, sondern um eine statistische Schätzung auf Basis der gesamten Daten.
Besonders deutlich war dieser Zusammenhang bei Frauen in ländlichen Regionen, bei Frauen mit geringer Schulbildung und bei Geburten ab dem vierten Kind.
Indien: Der Effekt zeigt sich später
In Indien zeigte sich der Zusammenhang vor allem im mittleren Drittel der Schwangerschaft. Wenn in dieser Phase mehr Tage mit Temperaturen zwischen 25 und 30 Grad auftraten, sank der berechnete Anteil der Jungen bei der Geburt von etwa 110 auf rund 109 Jungen pro 100 Mädchen. Auch hierbei handelt es sich um eine statistische Schätzung auf Grundlage der Gesamtdaten, nicht um eine direkt beobachtete Entwicklung in einer einzelnen Region.
Besonders deutlich war der Zusammenhang bei Müttern über 30 Jahren, bei Geburten ab dem vierten Kind sowie bei Frauen ohne bisherigen Sohn in nordindischen Bundesstaaten – also in Gruppen, bei denen frühere Forschung eine stärkere Bevorzugung von Söhnen beschrieben hat.
Unterschiedliche Muster, unterschiedliche Deutungen
Die Studie beobachtet keine direkten biologischen Abläufe. Sie wertet große Datensätze aus und beschreibt Zusammenhänge, die sich darin zeigen. Zur Einordnung ziehen die Autoren frühere Forschung heran.
In Subsahara-Afrika liegt der Zusammenhang in den ersten Monaten der Schwangerschaft. Hohe Temperaturen belasten den Körper, etwa durch Flüssigkeitsverlust oder Kreislaufprobleme. In der Forschung wird diskutiert, dass männliche Embryonen auf solche Belastungen empfindlicher reagieren könnten.
Anders sieht es in Indien aus. Dort tritt der Effekt später auf, in einer Phase, in der das Geschlecht medizinisch festgestellt werden kann. Der Zeitpunkt und die betroffenen Gruppen könnten die Veränderungen mit geschlechtsselektiven Schwangerschaftsabbrüchen in Verbindung bringen.
Die Daten selbst zeigen nicht, welcher Mechanismus im Einzelfall wirkt. Sie machen jedoch deutlich, dass Zeitpunkt und soziale Verteilung der Effekte zwischen den Regionen unterscheiden.
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Kurz gesagt: Die Studie zeigt einen statistischen Zusammenhang – aber keinen direkten Beweis. Die Daten deuten zwar darauf hin, dass in Regionen und Zeiträumen mit vielen heißen Tagen während der Schwangerschaft etwas weniger Jungen geboren werden als üblich. Das bedeutet jedoch nicht:
- dass Hitze automatisch das Geschlecht „steuert“
- dass ab einer bestimmten Temperatur ein Junge zu einem Mädchen wird
- oder dass einzelne Eltern das beeinflussen können
Was die Studie zeigt, ist Folgendes: Wenn in bestimmten Phasen der Schwangerschaft viele sehr warme Tage auftreten, verschiebt sich das Verhältnis von Jungen zu Mädchen bei der Geburt leicht in Richtung Mädchen. In Afrika zeigt sich das eher in der frühen Schwangerschaft. In Indien zeigt es sich später – dort könnte neben biologischen Effekten auch gesellschaftliches Verhalten eine Rolle spielen.
Wichtig ist: Die Studie beweist nicht, dass Hitze direkt entscheidet, ob ein Junge oder ein Mädchen entsteht. Sie zeigt nur, dass hohe Temperaturen mit einem leicht veränderten Verhältnis bei der Geburt zusammenhängen.
Einordnung
Die Analyse arbeitet mit sehr großen Datensätzen und präzisen Temperaturmessungen, dennoch bleiben Unsicherheiten. So lässt sich nicht exakt bestimmen, an welchem einzelnen Tag der Schwangerschaft die Hitze gewirkt hat, weil häufig nur der Geburtsmonat bekannt war. Die zeitliche Einteilung in frühe, mittlere und späte Phase bleibt daher eine Annäherung.
Zudem erfassen die Daten nur Geburten, nicht jedoch Schwangerschaften, die sehr früh endeten. Falls Hitze tatsächlich vor allem in den ersten Wochen wirkt, lässt sich das aus den vorliegenden Informationen nur indirekt ableiten.
Auch gesellschaftliche Mechanismen, etwa Veränderungen im Verhalten rund um Schwangerschaftsabbrüche, lassen sich aus den Daten nicht direkt beobachten. Die Studie kann lediglich zeigen, dass die statistischen Effekte zeitlich und sozial unterschiedlich verteilt sind.
Gerade diese Unterschiede zwischen Subsahara-Afrika und Indien machen die Ergebnisse jedoch interessant: Sie deuten darauf hin, dass Temperatur nicht in jedem Kontext gleich wirkt, sondern biologische und soziale Faktoren eine Rolle spielen können. Offen bleibt dagegen, inwieweit sich ähnliche Zusammenhänge auch in den USA oder Europa finden lassen könnten. Um dies herauszufinden, benötigt es eigene Untersuchungen.