29. September 2025, 20:11 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Seit Jahrtausenden wird Rizinusöl geschätzt – ob als Abführmittel oder auch als Mittel zur Geburtseinleitung. Was in der Antike und im Mittelalter selbstverständlich war, ist heute Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen: Wie wirksam ist das „goldene Öl“ wirklich und wo liegen seine Grenzen? FITBOOK-Redakteur Michel Winges hat einen Blick auf die Studienlage geworfen.
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Verwendung als Abführmittel
Aus der Hausapotheke der Vergangenheit
Früher gehörte Rizinusöl in fast jede Hausapotheke – als schnelles Mittel gegen Verstopfung. Schon im alten Ägypten wurde es dafür genutzt, später auch im Mittelalter und noch bis ins 20. Jahrhundert hinein war es ein Klassiker.
Wirksam, aber nicht mehr die erste Wahl
Dass Rizinusöl tatsächlich wirkt, ist längst belegt. Im Körper wird es in einen Stoff umgewandelt, der den Darm kräftig in Bewegung bringt und die Verdauung deutlich beschleunigt. Der Effekt setzt schnell ein, bereits nach 30 Minuten. Das Problem: Die Wirkung ist so stark, dass häufig auch Bauchkrämpfe oder Übelkeit auftreten. Heute greifen Ärzte deshalb lieber zu milderen Mitteln.1
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Verwendung zur Geburtseinleitung
Bereits im Alten Ägypten fand wendete Rizinusöl zur Geburtseinleitung Anwendung. Und die Bewunderung der Menschen für das goldene Öl hat auch heute, knapp 2000 Jahre später, nicht abgenommen. Heutzutage wird das Öl immer noch zur Geburtseinleitung verwendet und findet sich in beliebten „Wehencocktails“ wieder. Um die zugesagte Wirkung, die auf Social Media und im Volksmund transportiert wird, zu klären, werfen wir einen Blick auf die Studienlage.
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Blick auf die Studienlage
2022 wertete ein iranisches Forschungsteam acht Studien mit Daten von insgesamt 902 Frauen aus. Das Ergebnis: Rizinusöl erhöhte sowohl die Zervixreifung, also die hormonell und mechanisch gesteuerte Veränderung des Gebärmutterhalses, bei der er weicher, verkürzt und durchlässiger wird, um den Geburtsbeginn zu ermöglichen, als auch die Wahrscheinlichkeit für den spontanen Wehenbeginn deutlich. Die Forscher betonten jedoch, dass weitere Forschung notwendig sei.2
Eine randomisierte Studie aus Israel von 2018 untersuchte den Einsatz von Rizinusöl bei Frauen mit Terminüberschreitung. Dabei zeigte sich: In der Rizinusöl-Gruppe kam es deutlich häufiger zu einem spontanen Wehenbeginn innerhalb von 24 Stunden als in der Kontrollgruppe. Bei Erstgebärenden zeigte sich laut Studie kein Effekt. Damit lieferte die Studie einen weiteren Hinweis darauf, dass Rizinusöl die Geburt fördern kann – zumindest bei manchen Schwangeren und vorausgesetzt, es wird unter ärztlicher Aufsicht angewendet.3
Eine deutsche Studie am Universitätsklinikum Jena aus dem Jahr 2024 untersuchte den Einsatz von Rizinusöl bei Frauen, die bereits ein oder mehr Kinder zur Welt gebracht hatten, unter klinischen Bedingungen. Dabei zeigte sich: In drei von vier Fällen reichte der Cocktail aus, um die Geburt in Gang zu bringen. Die Raten von vaginalen Entbindungen und Kaiserschnitten waren ähnlich wie bei gängigen Standardmethoden, auffällig war jedoch, dass weniger Babys auf die Intensivstation mussten (2 Prozent gegenüber 8 Prozent). Die Forschenden folgern daraus, dass Rizinusöl für Mehrgebärende am Termin eine sichere Möglichkeit sein kann – allerdings nur unter ärztlicher Aufsicht und nicht in Eigenregie.4
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Statement einer deutschen Institution
Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWig) veröffentlichte im Frühjahr dieses Jahres ein Papier, in dem sie durch Erkenntnisse einer eigens angelegte Studie verwiesen, dass es weder Nutzen noch Schaden gebe für die Intervention von Rizinusöl zur Geburtseinleitung.
Die DGGG-Leitlinienkoordinatoren der S2k-Leitlinie zur Geburtseinleitung, Prof. Sven Kehl und Prof. Michael Abou-Dakn erklären aber auch: „Rizinusöl soll nicht im ambulanten Setting zur Geburtseinleitung verwendet werden“, da die Wirkweise zu Prostaglandin-typischen Nebenwirkungen zur uterinen Überstimulation führen kann und nicht ausreichend Evidenz zur Anwendung von Rizinusöl vorliegt. Auch andere alternative Verfahren seien unzureichend untersucht und würden daher nicht für eine Geburtseinleitung empfohlen. Medikamentöse Verfahren seien für diesen Prozess vorzuziehen.5
Fazit: Ja oder Nein zur Geburtseinleitung?
Jein – ein klares Urteil lässt sich derzeit nicht fällen. Mehrere Studien und Meta-Analysen weisen darauf hin, dass Rizinusöl den Wehenbeginn fördern und die Zervixreifung beschleunigen kann. Besonders bei Mehrgebärenden unter klinischen Bedingungen gibt es Hinweise auf eine gute Wirksamkeit. Bei Erstgebärenden ist die Studienlage dagegen widersprüchlich: Teils zeigen Untersuchungen einen Nutzen, teils bleibt ein Effekt aus. Grundsätzlich gilt Rizinusöl bei angemessener Dosierung als nicht gefährlich – häufige Nebenwirkungen sind jedoch Bauchkrämpfe oder Durchfall.
An dieser Stelle wollen wir erneut darauf aufmerksam machen, dass Sie Rizinusöl nicht ohne ärztliche Aufsicht anwenden sollten!

