16. Juni 2025, 4:02 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Gelblich verfärbte Augen und diffuse Erschöpfung – erste Anzeichen von Morbus Meulengracht können auf den ersten Blick angsteinflößend wirken, werden allerdings oft missverstanden. Hinter den Symptomen verbirgt sich in Wahrheit eine Stoffwechselerkrankung, die zwar chronisch, aber in der Regel harmlos verläuft. Viele Betroffene wissen lange Zeit nichts von ihrer Diagnose – oder interpretieren die Beschwerden falsch.
Die Erkrankung ist auch unter dem Namen „Gilbert-Meulengracht-Syndrom“ bekannt und gilt als weit verbreitete, genetisch bedingte Stoffwechselstörung. FITBOOK-Redakteur Michel Wingens erklärt, worum es sich dabei genau handelt, was aktuelle Studien darüber zeigen und welche Strategien im Umgang mit der Diagnose helfen können.
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Übersicht
Was ist Morbus Meulengracht?
Morbus Meulengracht ist eine genetisch bedingte Stoffwechselvariante, bei der eine harmlose Leberfunktionsstörung vorliegt. Etwa fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung sind davon betroffen.1 Das Meulengracht-Syndrom tritt häufig erstmals in der Pubertät auf, wenn sich die Geschlechtsorgane verändern. Diese hormonellen Veränderungen können den Bilirubinwert erhöhen, was in der Folge zu einer Gelbsucht bestimmter Körperstellen führen kann. Der männliche Körper produziert außerdem mehr Bilirubin als der weibliche, deshalb fällt das Syndrom häufiger bei Männern auf. Das Syndrom tritt vorwiegend zwischen dem 15. und 40. Lebensjahr auf und kann sich im späteren Leben wieder zurückbilden.2
So entsteht die Stoffwechselstörung
Ursache ist ein Defekt im UGT1A1-Gen, das ein Enzym codiert, welches Bilirubin in der Leber wasserlöslich macht. Bei Menschen mit dem Gilbert-Syndrom funktioniert dieser Prozess langsamer. Die Folge: unkonjugiertes (nicht wasserlösliches) Bilirubin sammelt sich im Blut an.
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Morbus Meulengracht oder Gilbert Syndrom – woher kommt der Name?
Die beiden Begriffe bedeuten dieselbe Sache – doch ihre Herkunft ist international unterschiedlich geprägt: Im deutschsprachigen Raum ist die Bezeichnung „Morbus Meulengracht“ geläufig, wobei „Morbus“ aus dem Lateinischen stammt und schlicht „Krankheit“ bedeutet. Im Dachraum ist die Bezeichnung Morbus Meulengracht üblich, benannt nach dem dänischen Arzt Jens Einar Meulengracht3, der sich intensiv mit Lebererkrankungen befasste. In der internationalen Medizin spricht man dagegen häufiger vom Gilbert-Syndrom- nach dem französischen Arzt Augustin Nicolas Gilbert, der die Erkrankung 1901 erstmals wissenschaftlich beschrieb4.
Mit welchen Symptomen äußert sich Morbus Meulengracht?
Das auffälligste Merkmal von Morbus Meulengracht ist etwa eine zeitweise Gelbfärbung der Haut und insbesondere des Augenweißes (Sklera)- medizinisch als Ikterus bezeichnet. Ursache ist ein erhöhter Spiegel des unkonjugierten Bilirubins im Blut, der vor allem dann entsteht, wenn der Stoffwechsel des Körpers unter Belastung steht. Typische Belastungen sind:
- Fastenphasen
- intensive körperliche Anstrengung
- fieberhafte Infekte
- starke emotionale Belastung wie Stress
- Menstruation und Schwangerschaft
- Alkohol, Rauchen und Medikamente
Bei den meisten Betroffenen bleibt die Gelbfärbung das einzige Symptom – sie ist harmlos und verschwindet meist von selbst, sobald sich der Körper wieder stabilisiert. Oft fällt ein erhöhter Bilirubinwert sogar nur zufällig bei einer Routine-Laborkontrolle auf, ohne dass äußerlich etwas sichtbar ist.
Gelegentlich berichten Betroffene zusätzlich von unspezifischen Beschwerden wie Müdigkeit, Konzentrationsproblemen oder leichter Übelkeit. Eine direkte Verbindung mit dem Bilirubinwert konnte bisher jedoch wissenschaftlich nicht belegt werden. Selten ist auch ein leicht erhöhtes Risiko für die Bildung von Gallensteinen beschrieben worden.
Diagnose der Erkrankung
Morbus Meulengracht wird häufig zufällig entdeckt – etwa bei einer Blutuntersuchung im Rahmen eines Routine-Checks. Charakteristisch ist dabei ein isoliert erhöhter Spiegel des unkonjungierten Bilirubins, während typische Leberwerte wie ALT, AST oder Gamma-GT im Normbereich liegen. Das spricht gegen eine akute Leberschädigung.
Da ein Anstieg des Bilirubins aber auch durch andere Ursachen wie eine vermehrte Blutauflösung (Hämolyse) entstehen kann, empfiehlt der Arzt in der Regel, zusätzlich ein kleines Blutbild zu bestimmen, um diese Möglichkeit auszuschließen.
Wenn der Arzt Morbus Meulengracht vermutet, führt er zur Bestätigung einen sogenannten Fastenbelastungstest durch: Nach einem kurzen Nahrungsverzicht misst er den Bilirubinwert erneut – ein Anstieg stützt die Diagnose. Alternativ kann Nikotinsäure (Niacin) eingesetzt werden, die ebenfalls vorübergehend zu einem erhöhten Anstieg des Bilirubins führen kann.
In Zweifelsfällen steht auch ein genetischer Test zur Verfügung. Dabei wird gezielt nach der Mutation im UGT1A1-Gen gesucht, die für die verminderte Bilirubinverarbeitung verantwortlich ist. Ein entsprechender Nachweis sichert die Diagnose eindeutig.
Gelbsucht – Ursachen, Symptome und Behandlung
Symptome, die auf Morbus Wegener – hindeuten
Wie behandelt man Morbus Meulengracht?
Der bei Morbus Meulengracht erhöhte Bilirubinwert stellt keine gesundheitliche Gefahr dar und macht in der Regel keine Behandlung erforderlich. Wichtig ist jedoch, bei der Einnahme von Medikamenten – etwa im Rahmen anderer Erkrankungen – ärztlichen Rat einzuholen. Bestimmte Wirkstoffe können sich durch den veränderten Stoffwechsel anders im Körper verteilen und sollten daher individuell überwacht werden.
Eine Diagnose, die beruhigt statt beunruhigt
Grundsätzlich wird Morbus Meulengracht als eine gutartige Stoffwechselstörung eingestuft. Bei der Genvariante treten keine Organschäden auf, deswegen wird auch nicht von einer Stoffwechselkrankheit gesprochen sondernden lediglich von einer Störung.
Die erhöhte Bilirubinkonzentration bringt sogar viele gesundheitliche Vorteile mit sich. Bilirubin wirkt als starkes Antioxidans und schützt den Körper vor oxidativem Stress, der an der Entstehung zahlreicher Krankheiten beteiligt ist. So deuten Studien darauf hin, dass Betroffene ein geringeres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen haben, da Bilirubin die Gefäße schützt und Entzündungsprozesse hemmt.5 Auch das Risiko für bestimmte Krebsarten wie Darm- oder Lungenkrebs scheint bei Menschen mit dieser Stoffwechselstörung reduziert zu sein.6
Darüber hinaus sind Betroffene häufig metabolisch gesünder: Sie weisen einen besseren Fettstoffwechsel auf, haben oft einen niedrigeren Body-Mass-Index und ein geringeres Risiko für Typ-2-Diabetes.7 Diese gesundheitlichen Vorteile tragen möglicherweise auch zu einer höheren Lebenserwartung bei.