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Studie

Ist das der wahre Grund für den weltweiten Anstieg von Kurzsichtigkeit?

Forscher haben womöglich den Grund gefunden, warum immer mehr Menschen an Kurzsichtigkeit leiden
Forscher haben womöglich den Grund gefunden, warum immer mehr Menschen an Kurzsichtigkeit leiden Foto: Carolyn Ann Ryan / Getty Images
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Martin Lewicki
Freier Autor

18. Februar 2026, 17:03 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten

Immer mehr Menschen arbeiten den ganzen Tag vor Bildschirmen. In der Freizeit kleben wir zudem regelrecht am Smartphone-Display. Aber ist das wirklich der Grund, warum weltweit die Zahl der Kurzsichtigen steigt? Amerikanische Forscher haben eine andere Vermutung und erklären, wie man sich vor Kurzsichtigkeit schützen kann.

Viele Menschen kennen diesen Effekt sicherlich: Schaut man lange auf das Smartphone-Display und dann plötzlich in die Ferne, sieht man zunächst unscharf. Es dauert einen Moment, bis sich unsere Augen wieder auf die Ferne fokussieren können. Daher liegt die Vermutung nahe, dass das häufige Betrachten von Inhalten auf Displays zur Kurzsichtigkeit führt. Dies würde auch zur Verbreitung von Smartphones und Computerarbeit in den letzten 20 Jahren passen. Denn seit Jahren steigt die Zahl der Kurzsichtigen. Studien gehen davon aus, dass im Jahr 2050 rund 50 Prozent der weltweiten Bevölkerung kurzsichtig sein könnten, davon zehn Prozent sogar stark.1,2 Eine neue Studie aus den USA legt nahe, dass nicht nur die Nähe zum Smartphone oder Computer wichtig sein könnte. Entscheidend scheint auch zu sein, wie viel Licht bei dieser Naharbeit ins Auge gelangt.3 Die Forscher beschreiben einen möglichen biologischen Mechanismus, durch den bestimmte Sehgewohnheiten – etwa intensive Naharbeit in Innenräumen – zur Entwicklung oder Verstärkung von Kurzsichtigkeit beitragen könnten.

Was haben die Forscher untersucht?

In der aktuellen Studie wollten amerikanische Forscher einen biologisch plausiblen Mechanismus finden, der erklärt, warum Kurzsichtigkeit bei bestimmten Sehgewohnheiten (z.B. viel Naharbeit am Display bei wenig Licht) zunimmt und warum verschiedene Therapien dagegen wirken. „Kurzsichtigkeit hat weltweit fast epidemische Ausmaße erreicht, doch wir verstehen noch immer nicht vollständig, warum das so ist“, erklärt der leitende Studienautor Dr. Jose-Manuel Alonso in einer Pressemitteilung der State University of New York.4

Hierfür nutzten die Wissenschaftler vor allem physiologische Messungen am menschlichen Auge unter kontrollierten Sehbedingungen:

  • Die Pupillengröße wurde bei den Probanden während unterschiedlicher Aufgaben gemessen. Sie sollten sich auf nahe Objekte wie z.B. Text und Displays in Innenräumen fokussieren, während das Lichtniveau, der Betrachtungsabstand und Linsenstärke variiert wurden.
  • Zudem hat man sogenannte negative Linsen benutzt, um stärkere Nahfokussierung bzw. Kurzsichtigkeit zu simulieren. Damit konnte man prüfen, wie sich dies auf die Pupillenverengung und Netzhautbeleuchtung auswirkt.

Die Probanden setzten sich aus 21 kurzsichtigen und 13 normalsichtigen Personen zusammen. Bei einem der Tests sollten sie ein Auge auf ein kleines Quadrat fokussieren. Dieses wurde über eine verstellbare Linse unscharf gemacht, um eine Akkommodation auszulösen. Dabei müssen sich die Augenmuskeln anstrengen, um das Bild wieder scharfzustellen. Gleichzeitig verdickt sich die menschliche Linse, während sich die Pupille zusammenzieht. 

Außerdem sollten die Teilnehmenden helle und dunkle Quadrate mit unterschiedlichem Kontrast betrachten. Dabei wurden nicht nur die Veränderungen der Pupillengröße und der Augenposition gemessen, sondern auch die Stärke der sogenannten ON- und OFF-Sehbahnen der Netzhaut, die Helligkeitskontraste getrennt voneinander verarbeiten. 

Das haben die Tests ergeben

Die Auswertung der Tests zeigte: Je stärker sich die Probanden beim Scharfstellen des Quadrats anstrengen mussten, desto stärker konvergierten ihre Augen und desto enger wurden ihre Pupillen, unabhängig von der Helligkeit. Bei schwacher Beleuchtung kam dadurch nur noch wenig Licht auf die Netzhaut, wodurch die lichtempfindlichen ON‑Bahnen gegenüber den OFF‑Bahnen weniger aktiviert wurden. Bei den kurzsichtigen Probanden waren diese Effekte besonders stark ausgeprägt. So verengten sich ihre Pupillen stärker und ihre OFF‑Bahnen dominierten noch deutlicher über die ON‑Bahnen.

Die ungleichmäßige Aktivierung dieser Sehbahnen könnte nach Ansicht der Autoren langfristig Prozesse begünstigen, die mit dem für Kurzsichtigkeit typischen Längenwachstum des Augapfels zusammenhängen. Ein solches Längenwachstum wurde in der Studie jedoch nicht direkt gemessen oder über einen längeren Zeitraum beobachtet.

Der entscheidende Faktor: Nicht nur wie hell – sondern wie stark der Unterschied ist

Die Forscher stellten fest: Für die Reaktion der Augen war nicht einfach entscheidend, wie hell etwas war. Wichtiger war, wie stark sich ein Objekt vom Hintergrund abhob – also der Kontrast.

Je deutlicher sich ein Zeichen, ein Symbol oder ein Punkt vom Hintergrund unterschied, desto stärker reagierten die Augen: Die Pupillen wurden enger, und die Augen drehten sich stärker nach innen, um das Bild scharfzustellen. Dabei zeigte sich ein interessanter Effekt: Dunkle Elemente auf hellem Hintergrund – etwa schwarze Schrift auf weißem Papier – lösten besonders starke Reaktionen aus. Die Ergebnisse legen nahe, dass bei Naharbeit nicht nur die Helligkeit im Raum zählt, sondern auch, wie „kontrastreich“ das Gesehene ist.

Warum auch das Blinzeln eine Rolle spielt

Ein weiterer überraschender Befund: Auch das Blinzeln beeinflusst, wie sich die Pupille verhält. Die Forscher stellten zudem fest, dass die Dauer eines Lidschlags eine Art „Feinabstimmung“ für die Pupillengröße darstellt. Sehr kurze Lidschläge gingen mit einer stärkeren Verengung der Pupille einher. Bei längeren geschlossenen Augen veränderte sich die Reaktion wieder.

Dieses Zusammenspiel war bei kurzsichtigen Personen deutlich schwächer ausgeprägt. Das heißt: Ihre Pupillen passten sich nach einem Lidschlag weniger flexibel an.

Die Studie zeigt damit, dass Blinzeln Teil eines komplexen Regelkreises im Auge ist. Ob sich dieser Effekt im Alltag – etwa bei konzentrierter Bildschirmarbeit – spürbar auswirkt, wurde allerdings nicht direkt untersucht.

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Es gibt nicht nur einen Grund für Kurzsichtigkeit

Bei der Analyse der Daten kamen die Forscher zu dem Ergebnis: Kurzsichtigkeit ist meist das Ergebnis verschiedener Faktoren. Sie behaupten also nicht, dass Bildschirme allein direkt Kurzsichtigkeit verursachen. Auch nicht die Lichtverhältnisse oder die Genetik sind alleinige Ursachen. Vielmehr fanden sie heraus, dass die Wechselwirkungen zwischen Sehgewohnheiten, Beleuchtung und Augenfokussierung zu Kurzsichtigkeit führen kann.

„Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass ein gemeinsamer zugrunde liegender Faktor darin bestehen könnte, wie viel Licht während längerer Naharbeit – insbesondere in Innenräumen – auf die Netzhaut trifft,“ sagt Dr. Jose-Manuel Alonso. Wenn Menschen sich auf nahe Objekte in Innenräumen konzentrieren, wie Smartphones, Computer-Displays oder Bücher, kann sich die Pupille verengen. Jedoch nicht aufgrund der Helligkeit, sondern um das Bild schärfer zu stellen. Bei schwacher Beleuchtung führt diese Kombination dazu, dass die Netzhautbeleuchtung zu gering ist.

Aus ihren Ergebnissen leiten die Forscher die Hypothese ab, dass eine über längere Zeit verringerte Stimulation der Netzhaut bestimmte Signalwege beeinflussen könnte. Ob dies tatsächlich die Entstehung oder das Fortschreiten von Kurzsichtigkeit im Alltag verursacht, wurde in der Studie jedoch nicht direkt untersucht.

Längere Naharbeit in Innenräumen bei schwacher Beleuchtung könnte nach diesem Modell besonders ungünstig sein, da dabei weniger Licht auf die Netzhaut trifft. Ob dies im realen Alltag tatsächlich Kurzsichtigkeit begünstigt, muss jedoch durch weitere Studien geklärt werden.

Wie kann man einer Kurzsichtigkeit vorbeugen?

Die Studienergebnisse erklären auch, warum bestimmte Methoden vor Kurzsichtigkeit schützen und sich positiv auf die Augen auswirken. Den Forschern zufolge sind bereits folgende schützende Methoden aus Beobachtungen bekannt: 

  • Viel Zeit im Freien wirkt sich positiv auf unsere Augen aus. Helles Licht stimuliert die Netzhaut stark und schützt so vor Kurzsichtigkeit.
  • Der Wirkstoff Atropin kann die Entstehung von Kurzsichtigkeit verlangsamen. Er begrenzt die Pupillenverengung, sodass mehr Licht ins Auge gelangt.
  • Auch bestimmte Linsen können helfen. Sie reduzieren eine starke Nahfokussierung.

Die Erkenntnis, dass die Stimulation der Netzhaut entscheidend ist, liefert einen wichtigen Grund, warum unterschiedliche Faktoren, wie Naharbeit am Display oder eine schwache Innenbeleuchtung Kurzsichtigkeit fördern. Andererseits können wir aber mit einfachen Maßnahmen dagegenwirken, wie z.B. mehr Zeit im Freien und bei guten Lichtverhältnissen verbringen. Die Studie wurde unter kontrollierten Laborbedingungen durchgeführt und untersuchte physiologische Reaktionen des Auges. Sie erlaubt daher keine direkten Aussagen darüber, ob Bildschirmarbeit oder schlechte Beleuchtung im Alltag Kurzsichtigkeit verursachen.

Quellen

  1. Holden, B.A., Fricke, T.R., Wilson, D.A., et. al. (2016). Global Prevalence of Myopia and High Myopia and Temporal Trends from 2000 through 2050. Ophthalmology. ↩︎
  2. Liang, J., Pu, Y., Chen, J., et. al. (2025). Global prevalence, trend and projection of myopia in children and adolescents from 1990 to 2050: a comprehensive systematic review and meta-analysis. The British Journal of Ophthalmology. ↩︎
  3. Maharjan, U., Rahimi-Nasrabadi, H., Poudel, H. et. al. (2026). Human accommodative visuomotor function is driven by contrast through ON and OFF pathways and is enhanced in myopia. Cell Reports. ↩︎
  4. State University of New York: New Research Suggests Myopia Could Be Caused By How We Use Our Eyes Indoors (aufgerufen am 18.2.2026) ↩︎

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