13. Juli 2026, 20:44 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Rückfälle gehören bei Anorexie trotz erfolgreicher Behandlung zu den größten Herausforderungen. Warum ist das so? Französische Forscher haben nun einen Mechanismus entdeckt, der nicht nur dabei hilft, Magersucht besser zu verstehen, sondern auch womöglich erfolgreichere Therapiewege aufzeigt. FITBOOK erklärt, warum die aktuelle Studie ein Meilenstein im Kampf gegen die tödliche Krankheit sein könnte.
Magersucht (Anorexia nervosa) gehört zu den tödlichsten psychischen Erkrankungen (FITBOOK berichtete). Denn trotz erfolgreich abgeschlossener Therapie erleidet etwa jeder dritte Betroffene innerhalb eines Jahres einen Rückfall. Und das trotz Lebenswillen. Wie kann das sein? Forscher vermuten schon länger, dass eine Fehlregulation bestimmter „Hunger-Satt-Hormone“ einen langfristigen Therapieerfolg zusätzlich enorm erschwert.
Nun wollten Wissenschaftler der Université Paris Cité prüfen, ob dieses Hormonsystem auch mit bestimmten Denk- und Entscheidungsprozessen zusammenhängt und somit erklären könnte, warum manche Patientinnen langfristig stabil bleiben und andere nicht. Ihre Forschungsergebnisse wurden aktuell in der Fachzeitschrift „Translational Psychiatry“ veröffentlicht.1
Warum Magersucht so schwer zu behandeln ist
Bei vielen herrscht immer noch die Auffassung, dass Magersucht mit ein wenig Zusammenreißen, regelmäßigen Mahlzeiten und dem Erreichen eines gesunden Gewichts in den Griff zu bekommen ist. Gleichzeitig wird Betroffenen, die einen Rückfall erleiden, mangelnde Willenskraft vorgeworfen. Psychiater, Psychologen und Neurowissenschaftler sind sich lange einig, dass die Krankheit wesentlich komplexer ist. Offenbar müssen Betroffene gegen ihre eigenen, aus dem Gleichgewicht geratenen Hormone ankämpfen, die sich als enorm starke Gegner erweisen. Da es bislang keine zugelassenen Medikamente gibt, erhofften sich die Forscher neue Erkenntnisse für nachhaltigere Therapien.
Untersuchungen an Patientinnen und weiblichen Mäusen
Obwohl auch Männer an Magersucht erkranken können, sind vorwiegend junge Frauen betroffen. So umfasste der erste Teil der Studie 30 Frauen im Alter von 18 bis 60 Jahren mit der Diagnose Anorexia nervosa. Sie absolvierten ein viermonatiges Ernährungsprogramm in einer spezialisierten Klinik für Essstörungen. Die Patientinnen füllten vor, nach und sechs Monate später detaillierte Fragebögen zu ihrem Verhalten aus und gaben Blutproben ab. Darin bestimmten die Forscher auch die Werte der Hormone Ghrelin und LEAP2, die bei gesunden Menschen für Appetit bzw. die anschließende Sättigung sorgen.
Zusätzlich untersuchten die Forscher weibliche Mäuse. Diese erhielten zunächst 15 Tage lang nur 50 Prozent ihrer normalen Futtermenge, wodurch sie etwa 25 Prozent ihres Körpergewichts verloren. Anschließend wurden sie zehn Tage lang wieder normal gefüttert. Dabei schauten die Forscher, ob und wie sich ihr Verhalten bzw. ihre Blutwerte veränderten.
Wenn eigene Hormone dem Heilungsweg im Weg stehen
Die Forscher entdeckten ein signifikantes Muster. Patientinnen wiesen bei ihrer ersten Einweisung ins Krankenhaus etwa 20 Prozent höhere hungerunterdrückende LEAP2-Werte auf als nach vier Monaten Behandlung, in denen sie wieder an Gewicht zunahmen. Betroffene mit den höchsten LEAP2-Werten hatten ein höheres Risiko für einen Anorexie-Rückfall. Wem es dagegen gelungen war, das Gewicht zu halten, wies besser normalisierte Werte auf. Während Ghrelin allein kaum aussagekräftig war, erwies sich das Verhältnis von Ghrelin zu LEAP2 als entscheidender Faktor für die Stabilität nach der Entlassung.
Bei den Mäusen führte die Futterknappheit dazu, dass sie häufiger kleine sofortige Belohnungen einer größeren späteren Belohnung vorzogen. Interessanterweise reagierten die Mäuse anders als die Patientinnen: Unter Hunger sank ihr LEAP2-Spiegel, und sie wurden impulsiver – sie wollten die schnelle Belohnung sofort. Die untersuchten Veränderungen im Dopamin-System konnten die beobachteten Effekte jedoch nicht erklären. Das spricht dafür, dass weitere bislang unbekannte Mechanismen beteiligt sind.
Ein Rückfall in die Anorexie liegt nicht an mangelnder Willenskraft
Nach Auffassung der Forscher beeinflussen Hungerhormone offenbar nicht nur den Appetit, sondern auch die Art und Weise, wie das Gehirn Entscheidungen trifft. Während einer Magersucht scheint diese Verbindung gestört zu sein, doch nach einer erfolgreichen Gewichtszunahme könnte sie sich zumindest teilweise wieder normalisieren. Das von Leber und Darm produzierte Hormon LEAP2 wirkt dem „essfreudigen“ Ghrelin entgegen und unterdrückt die körpereigenen Hungersignale.
Magersucht lässt das Gehirn schrumpfen
Forscher finden Möglichkeit, Magersucht mit einem bekannten Medikament zu behandeln
Kampf gegen die eigenen Hormone?
Die Studie eröffnet einen interessanten neuen Blick auf die Rolle von Stoffwechselhormonen bei der Genesung bzw. dem Rückfall einer Anorexie. „Unsere Ergebnisse sprechen dafür, dass Hormone, die normalerweise Hunger und Sättigung steuern, bei Menschen mit Anorexie anders wirken“, erklärt Studienleiterin Dr. Virginie Tolle in einer Mitteilung.2 Sie hofft, dass LEAP2 zukünftig dabei hilft, Rückfälle frühzeitig zu erkennen und Therapien besser anzupassen. Die Ergebnisse aus dem Mausmodell legen nahe, dass LEAP2 eine wichtige Rolle bei der Anpassung des Körpers an längere Phasen der Nahrungsknappheit spielen könnte. Das sind wichtige Hinweise. Vollständig abbilden lässt sich die Erkrankung bei den Nagern natürlich nicht, betonen die Forscher.
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Zusammenhänge, aber noch keine Ursache
Die klinische Untersuchung umfasste lediglich 30 Patientinnen, wodurch die Aussagekraft begrenzt ist. Ebenso wurden psychische Symptome nicht vollständig berücksichtigt, da das Gewicht nur ein Faktor von vielen ist. Bis aus den ersten vielversprechenden Erkenntnissen praktische Anwendungen entstehen, die Rückfälle verhindern und Leben retten, sind jedoch deutlich größere klinische Studien erforderlich. Erste neue Techniken im Rahmen einer Folgestudie mit einer größeren Patientengruppe anzuwenden, sei bereits in Planung, heißt es abschließend.