6. Januar 2026, 17:25 Uhr | Lesezeit: 4 Minuten
„Alles ziehen und Implantate setzen“ – ein Wunsch, den der Zahnmediziner Dr. Martin Jaroch immer häufiger von Patienten hört. Im FITBOOK-Gastbeitrag erklärt er, warum dieser Weg selten der beste ist und wie selbst stark geschädigte Zähne oft erhalten werden können.
Zahnimplantate sind kein Routineeingriff – sondern eine lebenslange Entscheidung
Anhand der zahlreichen Studien zu Implantaten der letzten Jahrzehnte kristallisiert sich immer stärker heraus, dass ein Zahnimplantat kein harmloser Routineeingriff ist, sondern eine Entscheidung mit lebenslangen Konsequenzen. Wer sich ein Implantat einsetzen lässt, entscheidet sich für eine dauerhafte Bindung – mit allen Chancen, aber auch mit Risiken.
Warum die Implantologie heute neu bewertet werden muss
Aus meiner fachlichen Erfahrung heraus sehe ich, dass sich die Implantologie aktuell in einer Phase der kritischen Neubewertung befindet. Implantate wurden lange als schnelle, effektive und nahezu endgültige Lösung dargestellt. Heute sehen wir jedoch zunehmend die Spätfolgen von Implantaten, die vor vielen Jahren gesetzt wurden.
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Eigene Zähne schlagen Implantate – medizinisch und biologisch
Ich bin überzeugt, dass Restaurationen an natürlichen Zähnen in vielen Fällen langlebiger sind und weniger Komplikationen verursachen als implantatgetragene Versorgungen. Deshalb vertrete ich klar die Haltung: Eigene Zähne sollten immer so lange wie möglich erhalten werden – auch wenn der Weg dorthin zeitintensiver ist.
Was Patienten oft nicht wissen
Meiner Beobachtung nach wissen viele Patientinnen und Patienten nicht, dass selbst stark geschwächte oder scheinbar verlorene Zähne mit moderner Parodontaltherapie, regelmäßiger Nachsorge und konsequenter Mundhygiene langfristig funktionstüchtig bleiben können. Langzeitstudien über 20 bis 30 Jahre zeigen, dass auch Zähne mit reduzierter Verankerung stabil funktionieren können, wenn sie richtig behandelt und gepflegt werden.
Problem liegt in wirtschaftlichen Strukturen – schnell, profitabel, riskant
Aus meiner Sicht liegt das zentrale Problem weniger im medizinischen Fortschritt als in wirtschaftlichen Strukturen. Implantattherapie ist für viele Praxen sehr rentabel, und das beeinflusst zunehmend klinische Entscheidungen. Die Wirtschaftlichkeit spielt heute oft eine größere Rolle, als sie sollte.
Während die Rehabilitation eines natürlichen Zahnes Zeit, regelmäßige Kontrollen, parodontale Behandlungen und restaurative Maßnahmen erfordert, ist das Setzen eines Implantats häufig schneller, einfacher und wirtschaftlich attraktiver. Ich sehe darin das Risiko, dass erhaltungswürdige Zähne zu früh entfernt und durch Implantate ersetzt werden, ohne die langfristigen biologischen Folgen ausreichend zu berücksichtigen.
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Der Trend zum radikalen Ziehen – und warum er gefährlich ist
In meiner täglichen Praxis erlebe ich zunehmend, dass Patientinnen und Patienten mit dem Wunsch kommen, „alles ziehen zu lassen und Implantate zu bekommen“. Diese Entwicklung sehe ich kritisch. Häufig handelt es sich um Situationen wie fortgeschrittene Parodontitis, multiple Karies oder Fehlstellungen der Zahnbögen, bei denen aus meiner Sicht sehr wohl noch funktionserhaltende und zahnschonende Therapien möglich sind.
Nicht alles, was machbar ist, ist medizinisch sinnvoll
Ich bin der festen Überzeugung: Es gibt Behandlungswege, die schneller und wirtschaftlich attraktiver sind – aber nicht zwangsläufig die besten für den Patienten. Deshalb sollten wir Therapien ablehnen, die nicht dem Grundsatz des maximalen Zahnerhalts, der biologischen Nachhaltigkeit und der langfristigen Mundgesundheit entsprechen.
Über den Autor
Dr. M.Sc. M.Sc. Martin Jaroch ist niedergelassener Zahnarzt in Singen (Baden-Württemberg). Nach dem Studium der Zahnmedizin an der Freien Universität Berlin promovierte er an der Charité in Berlin. Jaroch hat darüber hinaus einen Master of Science (M.Sc.) in Parodontologie und Implantattherapie (Uniklinik Freiburg) sowie in Kieferorthopädie (Donau-Universität in Krems) erworben. Für FITBOOK prüft er regelmäßig Beiträge auf fachliche Richtigkeit und berät die Redaktion bei Themen und im Rahmen der Recherchen.