22. Oktober 2026, 13:58 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten
Viele Gefahren für unsere Gesundheit sind unsichtbar. Oft lauern sie in der Luft. So haben Forscher jetzt herausgefunden, dass ein natürlich vorkommendes Gas das lebenslange Lungenkrebsrisiko (bis zum Alter von 85 Jahren) um rund 50 Prozent erhöhen könnte. Schuld daran ist der Klimawandel. Doch es gibt einfache Methoden, um sich davor zu schützen.
Der Klimawandel und die damit verbundene Erderwärmung sorgen direkt und indirekt für gesundheitliche Risiken bei Menschen. So werden immer mehr extreme Wetterereignisse damit in Verbindung gebracht.1 Aber auch direkt leiden viele Menschen unter extrem hohen Temperaturen und unter Dürre im Sommer. Worüber kaum gesprochen wird: Wer sich vor Hitze in geschlossene Räume zurückzieht, ist oft stärker mit Radon belastet. Forscher haben nun errechnet, dass das Risiko für Lungenkrebs in Europa (gepoolte Daten für Deutschland, Frankreich und Italien) bei Personen bis zum Alter von 85 Jahren um 49 Prozent steigen könnte.2
Worum geht es genau in der Studie?
Forscher aus Europa und den USA haben einen bislang kaum beachteten Nebeneffekt des Klimawandels untersucht. Ihre Hypothese lautet, dass Menschen, die sich vor Hitze schützen, mehr schädliches Radon einatmen. Denn wer bei Hitzewellen mehr Zeit in Innenräumen verbringt, häufiger eine Klimaanlage benutzt oder sich in einen kühlen Keller zurückzieht, ist dort einer höheren Radonkonzentration ausgesetzt.
Die Wissenschaftler haben zunächst Fachpublikationen aus den Jahren 2015 bis 2025 ausgewertet, um herauszufinden, wie Wetter, Gebäude und das Verhalten der Menschen die Radonbelastung in Innenräumen beeinflussen. Anschließend haben sie ausgerechnet, wie stark das Lungenkrebsrisiko in den USA und in Europa (Frankreich, Deutschland und Italien) steigen könnte. Sie betonen dabei, dass es sich nicht um eine Prognose handelt, die zwangsläufig eintreffen wird. Stattdessen zeigen sie auf, welche Auswirkungen ein verändertes Verhalten auf die Gesundheit der Menschen hat, in diesem Fall auf das Risiko, an Lungenkrebs zu erkranken.
Warum erhöht Radon das Risiko für Lungenkrebs?
Laut dem Bundesamt für Strahlenschutz handelt es sich bei Radon um ein radioaktives Gas, das beim natürlichen Zerfall von Uran im Boden entsteht.3 Seine kurzlebigen Zerfallsprodukte geben beim Einatmen Alphastrahlung an Lunge und Bronchien ab. Die Internationale Krebsforschungsagentur (IARC) stuft Radon als sicher krebserregend ein, und weltweit gehen schätzungsweise drei bis 14 Prozent der Lungenkrebstodesfälle auf Radon zurück. Die Strahlung schädigt das Erbgut der Zellen in den Bronchien direkt, unter anderem durch Doppelstrangbrüche. Vor allem durch das Rauchen wird die Wirkung verstärkt.
In Deutschland werden rein rechnerisch etwa 6,3 Prozent aller Lungenkrebstodesfälle auf Radon in Wohnungen zurückgeführt. Da das Gas unsichtbar und geruchlos ist, kann man die Konzentration in der Wohnung nur durch eine Messung feststellen. Die Konzentration ist besonders hoch in Kellern und Untergeschossen sowie in geschlossenen Räumen, die eine Klimaanlage nutzen. Denn Klimaanlagen nutzen meist die vorhandene Raumluft und kühlen diese ab. Wenn also nicht ausreichend Frischluft dazukommt, kann sich Radon in geschlossenen Räumen anreichern.
Wie haben die Forscher das Krankheitsrisiko errechnet?
Um das Lungenkrebsrisiko durch Radon zu berechnen, gingen die Forscher von einem typischen Modellhaus aus. Darin beträgt die Radonkonzentration 74 Bq/m³ (Becquerel pro Kubikmeter) im Erdgeschoss und 185 Bq/m³ im Keller. Anhand dieser Werte wurden vier Szenarien durchgespielt:
- Erstes Szenario: Hier gilt der heutige Zustand, in dem Menschen im Durchschnitt 21 Stunden am Tag drinnen und drei Stunden draußen verbringen.
- Zweites Szenario: Hierbei wird in drei Sommermonaten verstärkt eine Klimaanlage verwendet. Das erhöht die Radonkonzentration in Räumen um etwa 60 Prozent.
- Drittes Szenario: Hier wird täglich mit vier Stunden mehr Zeit im Keller verbracht und im Schnitt eine Stunde weniger draußen.
- Viertes Szenario: In diesem Fall treten sowohl Szenario 2 als auch Szenario 3 gleichzeitig auf.
Die Konzentrationen wurden in eine Strahlendosis über die Zeit umgerechnet, die Einheit heißt „Working Level Months“. Dabei rechneten die Autoren mit allen 8.766 Stunden eines Jahres, drinnen wie draußen. Für das Lungenkrebsrisiko hat man das BEIR-VI-Modell der US-Akademie der Wissenschaften genutzt. Hierbei gewichtet man die Strahlung danach, wie lange sie zurückliegt, wie alt die Person ist und wie hoch die Konzentration war.
Das alles kombinierten die Forscher mit nationalen Daten zu Lungenkrebssterblichkeit und Überlebenswahrscheinlichkeit aus den Jahren 2015 bis 2019 für Menschen bis zu einem Alter von 85 Jahren. Das Ergebnis wird pro 10.000 Personen angegeben. Um die Ergebnisse zu verifizieren, nutzten sie noch zwei andere Modelle, die zum einen Bergarbeiterdaten und zum anderen Wohnraumstudien beinhalteten.
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Das hat die Datenauswertung ergeben
Die Auswertung der Daten hat gezeigt, dass im heutigen Szenario das Sterberisiko durch Lungenkrebs (verursacht durch Radon) in den USA bei 91 von 10.000 Personen liegt. Wenn mehr Menschen eine Klimaanlage nutzen, steigt das Risiko auf 104 Sterbefälle. Und wenn mehr Menschen im Keller verbringen, könnte es 119 Sterbefälle pro 10.000 Personen geben. Im vierten Szenario, wenn Menschen mehr Zeit in klimatisierten Räumen sowie im Keller verbringen, führt es zu 137 Sterbefällen durch Lungenkrebs auf 10.000 Personen.
Für Europa (in diesem Fall gepoolt für Frankreich, Deutschland und Italien) haben die Forscher etwas niedrigere Zahlen errechnet:
- Im heutigen Szenario gibt es etwa 86 Sterbefälle durch Radon-verursachten Lungenkrebs bei 10.000 Personen und einem Alter bis 85 Jahren.
- Das 2. Szenario mit mehr Nutzung von Klimaanlagen in Wohnräumen würde zu 98 Sterbefällen führen.
- Im dritten Szenario mit mehr Aufenthalt in Kellerräumen gäbe es 112 Sterbefälle pro 10.000 Menschen.
- Im vierten, also kombinierten Szenario würde es 128 Sterbefälle geben. Das bedeutet, dass das Risiko für Lungenkrebs in Europa bei Personen bis zum Alter von 85 Jahren um rund 49 Prozent steigen könnte, wenn sie mehr Klimaanlagen in geschlossenen Räumen nutzen und sich gleichzeitig in Kellerräumen aufhalten. Besonders auffällig ist hierbei ein Synergieeffekt: Die Kombination aus Klimaanlage und Kelleraufenthalt verstärkt das Risiko überproportional stark – der Anstieg im vierten Szenario (+42 Fälle) ist größer als die reine Summe der beiden Einzeleffekte (+38 Fälle).
Die Autoren betonen, dass die Schätzungen vorsichtig kalkuliert wurden. Effekte wie wärmere Böden, Dürren, Überschwemmungen und auftauender Permafrost sind nicht eingerechnet. Gleichzeitig weisen sie auf wichtige Einschränkungen hin: So ist die Nutzung von Klimaanlagen in Europa bisher geringer als in den USA, und Alltagseinflüsse (wie Radonwerte am Arbeitsplatz) wurden vereinfacht modelliert.
Wie man das Risiko für Lungenkrebs durch Radon senken kann
Bei der Auswertung der Studie erklären die Forscher, dass es sich hier um hypothetische Berechnungen handelt und nicht um bereits beobachtete zusätzliche Erkrankungen durch Radon. Dennoch macht ihre Studie auf einen unterschätzten Faktor bei Lungenkrebserkrankungen aufmerksam. Zudem zeigt diese Untersuchung, dass es auch Möglichkeiten gibt, die Radon-Belastung zu senken. Das Bundesamt für Strahlenschutz rät zu folgenden Maßnahmen:
- Regelmäßig messen: Es gibt passive Messgeräte (für rund 30 bis 50 Euro), die man in Wohnräumen aufstellen kann. Diese können über Monate die genaue Radon-Belastung in einzelnen Räumen messen. Besonders in Wintermonaten ist es wichtig, wenn die Räume geschlossen sind und so mehr Radon akkumuliert wird.
- Werte einordnen: Der Referenzwert in Deutschland liegt bei 300 Bq/m³ im Jahresmittel.
- Lüften: Als Sofortmaßnahme hilft regelmäßiges Stoß- oder Querlüften, bei dem die Raumluft innerhalb weniger Minuten ausgetauscht wird.
- Abdichten: Rohrdurchführungen, Risse in Bodenplatte und Kellerwänden sowie den Übergang vom Keller ins Erdgeschoss abdichten. Ansonsten kann sich Radon durch Schäden im Keller und Erdgeschoss im ganzen Haus ausbreiten.
- Technische Lösungen: Wenn das nicht reicht, gibt es Experten, die Bodenluft unter dem Haus absaugen können.
Die Studienautoren betonen zwar, dass man kühle Räume und Klimatisierung bei extremer Hitze keinesfalls meiden sollte, um Hitzschläge zu vermeiden. Sie empfehlen jedoch technische Lösungen wie kontrollierte Wohnraumlüftungen mit Wärmerückgewinnung, um die Radonbelastung auch bei geschlossenen Fenstern niedrig zu halten. Sie weisen auch darauf hin, dass Rauchen und Radon sich gegenseitig verstärken. Wer auf Tabak verzichtet, senkt auch das Lungenkrebsrisiko durch Radon. Wer diese Tipps befolgt, kann das Risiko für Lungenkrebs durch Radon deutlich senken.