Es gibt eine Übung, die in einer Minute glücklicher macht

Das Glück, sagt Haemin Sunim, kommt erst zu uns, wenn wir es loslassen und langsamer werden. Der 43-Jährige ist einer der erfolgreichsten Lehrer des Zen-Buddhismus in Südkorea und besteht darauf, dass die Zeit, glücklich zu sein, nicht irgendwann in der Zukunft liegt, sondern im Hier und Jetzt.

Gerade tourt Sunim mit seinem Bestseller „Die schönen Dinge siehst du nur, wenn du langsam gehst“ (Scorpio Verlag), der weltweit über drei Millionen Mal verkauft wurde, durch Deutschland. FITBOOK hat einen Vortrag des Zen-Meisters in Berlin besucht.

Gelassen, eingehüllt in ein Ordensgewand aus dünnem Stoff mit großer Schleife auf dem Bauch und weiten Ärmeln betritt er den überfüllten Saal. Alles, was er trägt, ist grau. Die Farbe, die anderen Farben ihre Leuchtkraft nimmt, doch für Sunim scheint das nicht zu gelten. Er strahlt. Lächelt, eine tiefe Verbeugung zur Begrüßung. Der Zen-Meister kommt sofort zur Sache.

Der effektivste Weg zum Glück ist die Verlangsamung

„Was uns glücklich macht, ist die Aufmerksamkeit, mit der wir etwas tun“, sagt Harvard-Absolvent Sunim. Das Problem: Meistens seien wir dafür im falschen Modus. „Vertraut“, so Sunim, sei uns gestressten Menschen der „Aktivitäts-Modus“. Wir sind es gewohnt, ein Projekt nach dem anderen anzupacken, wollen etwas gebacken kriegen, Probleme lösen. „In diesem Modus sind wir mit den Gedanken immer in der Zukunft“, sagt Sunim.

Als Beispiel nennt er einen Gedanken, der vielen vertraut sein dürfte: Wenn ich dies oder jenes erledigt habe, bin ich glücklich. Wenn ich mir etwas gekauft habe, bin ich glücklich. Der Tag, an dem ich heirate, wird der glücklichste meines Lebens … Doch so läuft es eben nicht. Glücklich sein in der Zukunft geht nicht, es funktioniert nur im Hier und Jetzt.

Auch interessant: 12 Tipps vom Schlafexperten für eine erholsame Nacht

Stattdessen rühmt er Selbstbewusstsein als Priorität. Glücklich zu sein, ist die Fähigkeit, sich Zeit zu nehmen, selektiv zu sein und die eigenen Gedanken zu genießen.

Doch wie schafft man es, die Aufmerksamkeit nach innen zu richten? Wie kommt man in den „Seins-Modus“ und wird glücklicher? Sunim macht mit den Anwesenden folgende Übung.

Mit dieser Übung kommen Sie in den „Seins-Modus“

Was Sie dafür brauchen: ein bis zwei Minuten Zeit und ein bequemes Plätzchen.

1. Schultern ein paar Mal schnell in beide Richtungen kreisen

2. Arme hoch strecken, fallen lassen

3. Mit geschlossenen Augen sechs bis sieben Mal ganz tief ein- und ausatmen

4. Jetzt sollen wir die rechte Hand in Herzhöhe auf die linke Brust legen und Sunim nachsprechen (Sie können das natürlich auch auf Deutsch tun):

„May I be healthy.“ (gesund)

„May I be happy.“ (glücklich)

„May I be peaceful.“ (friedlich)

„May I be protected.“ (beschützt)

„May I be loved.“ (geliebt)

5. Augen öffnen, wahrnehmen.

„Denkt ihr jetzt an etwas?“, fragt Sunim in den Raum. Schweigen. Leises Murmeln. „Nein!“, bestätigen viele. „Seht ihr! Aber ihr nehmt alles um euch herum wahr?“ Bestätigung aus dem Raum. „Das ist der Seins-Modus“, erklärt Sunim. Ein glücklicher Moment also. Und es hat gerade mal eine Minute gedauert, ihn herbeizuführen.

Glauben Sie nicht? Probieren Sie es aus!

Das alles mag albern klingen – ist es aber nicht. Wenn Sie es nicht schon selbst erlebt haben, bleibt Ihnen ohnehin nichts übrig, als dem Bericht der Autorin dieser Zeilen zu trauen. Die Übung, die sie an diesem Abend mitgemacht hat, würde sie so beschreiben:

Der Kopf wie ausradiert, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Gleichzeitig wirkt alles weit und hell und greifbar, offenbar sind ein paar Sinne voll auf Empfang. Ein wach-wohliges Gefühl im Bauch, das man vielleicht am besten als starke Aufmerksamkeit beschreiben kann. Leider verschwindet es viel zu schnell.

Dieses Gefühl bezeichnet Sunim als Innbegriff von „glücklich sein“: „Wenn wir die Aufmerksamkeit nach innen richten, entdecken wir Wunderbares“, sagt Sunim. Jetzt sind Sie bestimmt gespannt darauf, ob das funktioniert, oder? Dann machen Sie es sich bequem, egal ob im Stehen oder Sitzen, schließen Sie die Augen. Und los!

Keine Zeit für die Übung? Dann segnen Sie Fremde!

Wem die Zeit für die „Seins-Modus“-Übung angeblich fehlt, erfährt Verbundenheit Sunim zufolge auch dann schon, wenn er jeden Tag andere Menschen segnet. Etwa 20 sollten es sein. Wildfremde, denen man auf der Straße Glück („May you be happy!“), Schutz („May you be protected!“) oder Liebe („May you be loved!“) schickt. Sie müssen es noch nicht mal mitbekommen!

Harvard-Absolvent Haemin Sunim (43) lehrt, wie man Achtsamkeit lebt

Foto: Joerg Schulz

Es gibt weitere Schlüssel zum Glücklich-Sein

In den „Seins-Modus“ gelangt man dem koreanischen Zen-Mönch zufolge (Zen ist eine Strömung des Buddhismus und bedeutet soviel wie „Zustand meditativer Versenkung“) nicht nur mit Atemübungen: „Es funktioniert auch, wenn wir lieben oder genießen“, sagt Sunim. „Was wir wahrnehmen, wenn wir beispielsweise unser Kind beim Schlafen betrachten, wenn wir einen schönen Menschen sehen, uns über den bunten Herbstwald freuen oder ein Essen bewusst langsam genießen.“ Sunim weiter: „Es ist nicht die Aktivität, die glücklich macht, sondern die Aufmerksamkeit, die uns erlaubt, dabei Freude zu empfinden.“

Auch interessant: So lernen Sie, Dinge zu delegieren

Buddhismus für Einsteiger für ein Millionenpublikum

Was also ist das Geheimnis des Glücks? „Wertschätzen, was wir tun. Wenn Sie eine Tasse Tee trinken, schätzen Sie den Tee wert“, schreibt Sunim. Das klingt ein bisschen nach Kalenderspruch. Was Sunim predigt, ist im Wesentlichen nichts anderes als die Bedeutung von Achtsamkeit: Buddhismus für absolute Einsteiger.

Und an genau die richtet sich der ehemalige Professor an einem College in Massachusetts (USA) auch: Seine gebündelten Lebensweisheiten verkündet Sunim am liebsten bei Twitter. 1,2 Mio. Menschen verfolgen dort (160.000 weitere bei Facebook) seine Wegweiser zu Wohlbefinden und Glück. In „Die schönen Dinge siehst du nur, wenn du langsam gehst“ sind sie nun in acht Kapiteln gebündelt auf Deutsch und in Buchform erhältlich.

Wie Sie negative Gefühle loswerden

Wenn man spürt, dass ein negatives Gefühl aufkommt, will man dies reflexhaft unter Kontrolle bringen, um nicht von ihm überwältigt zu werden, so Sunim. Was also sollen wir tun? Der Schlüssel besteht darin, zu erkennen, dass negative Emotionen nicht dauerhaft sind. 1. „Ruhig beobachten, bis die Energie sich in etwas anderes verwandelt hat. 2. Die Benennung vom Gefühl „abschälen“: Sich nicht an Begriffen wie Wut, Hass und Eifersucht festhalten. „Betrachte sie als vorbeiziehende Wolke“, schreibt Sunim.

Übung bei Niedergeschlagenheit: Sunim rät, seine Gefühle drei Minuten lang zu betrachten. „Du wirst feststellen, dass ihre Energie und Beschaffenheit sich langsam ändert.“

Auch interessant: 3 simple Tricks für mehr Gelassenheit

Wie Sie eine gute Beziehung führen

Sunim vergleicht es mit dem Sitzen an einem Feuer: Tut man es zu lange und zu nah, herrscht Verbrennungsgefahr. Entsprechend liegt der Schlüssel darin – was wir alle schon x-mal gehört haben –, die richtige Balance zu finden. Sunim gibt dazu noch folgenden Gedankenanstoß: „Derjenige, der dir heute das Leben schwer gemacht hat, könnte ein gut getarnter Lehrer sein, der vom Himmel mit der Aufgabe geschickt wurde, für dein spirituelles Wachstum zu sorgen!“

„Die schönen Dinge siehst du nur, wenn du langsam gehst“ erschien im Scorpio-Verlag und kostet 18 Euro

Foto: Joerg Schulz

Wie Sie Stress verbannen

Wer sich chronisch gestresst fühlt, dem empfiehlt Sunim, alles, was ihn stresst, auch Kleinigkeiten, auf ein Blatt Papier zu schreiben. „Die Stressauslöser sind jetzt auf ein Blatt Papier gebannt, fern von deinem Geist. Entspann dich heute Abend und sag dir, dass du die Liste morgen Punkt für Punkt durchgehen wirst.“ Am nächsten Tag, garantiert Sunim, werden Geist und Körper bereit sein.