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Können Bio-Lebensmittel vor Krebs schützen?

Bio-Äpfel
Französische Wissenschaftler haben den Zusammenhang zwischen Bio-Lebensmitteln und Krebserkrankungen erforscht
Foto: Getty Images

Es gibt viele gute Gründe, im Supermarkt nach Bio-Lebensmitteln zu greifen. Etwa weil man die Umwelt schützen möchte. Einer Studie zufolge senkt die Öko-Kost auch das Krebsrisiko. Kann das sein?

Der Bio-Markt boomt. Schon lange sind es nicht mehr nur Naturkostläden, die einer ausgewählten Kundschaft ökologisch erzeugte Lebensmittel anbieten. Auch zahlreiche Supermärkte und Discounter haben ihre eigenen Bio-Marken zu verträglichen Preisen im Sortiment. Kürzlich berichteten französische Forscher von einer Untersuchung, deren Ergebnisse die wachsende Anhängerschar von Bio-Kost erfreuen dürfte: Ökologisch erzeugte Lebensmittel schützen demnach vor Krebs, genauer gesagt vor Brustkrebs und vor Lymphomen.

Das klingt nach einem weiteren guten Grund, den Bio-Anbau zu stärken und gegebenenfalls sein eigenes Ernährungsverhalten zu überdenken. Aber ist die Sache so einfach? Schützen Bio-Esser tatsächlich nicht nur die Umwelt, sondern auch sich selbst? Diese Fragen sind gar nicht so leicht zu beantworten. „Es ist immer schwierig, den Einfluss der Ernährung auf Krebsentstehung zu untersuchen, einfach weil die Ernährung so schwer messbar ist“, sagt etwa Tilman Kühn vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg.

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So lief die Studie

Die französischen Wissenschaftler um Julia Baudry von der Université Paris versuchten es folgendermaßen: Sie werteten Daten einer großangelegten Studie aus, die den Zusammenhang zwischen Ernährung und Gesundheit untersuchen will, der NutriNet-Santé-Studie. Die Teilnehmer dieser Untersuchung hatten dabei unter anderem Fragebögen über das Internet beantwortet, zum Beispiel wie oft sie bestimmte Lebensmittel als Bio-Varianten essen, etwa Obst, Gemüse, Fisch und Fleisch, Eier, Brot und Schokolade. Den Forschern lagen insgesamt Angaben von 68 946 Erwachsenen vor.

In den darauffolgenden Jahren – im Schnitt hatten die Wissenschaftler die Teilnehmer viereinhalb Jahre beobachtet – berichteten 1340 Menschen von einer neu aufgetretenen Krebserkrankung. Am häufigsten kam es dabei zu Brustkrebs (34,3 Prozent), gefolgt von Prostata-Krebs (13,4 Prozent), Hautkrebs (10,1 Prozent), Darmkrebs (7,4 Prozent) sowie Non-Hodgkin-Lymphomen (3,5 Prozent) und anderen Lymphomen (1,1 Prozent).

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Die Ergebnisse der Untersuchung

Die Analyse ergab, dass diejenigen Teilnehmer, die besonders häufig Bio-Lebensmittel verzehrt hatten, ein erheblich geringeres Risiko für Brustkrebs nach der Menopause sowie für Non-Hodgkin- und andere Lymphome aufwiesen. Das Risiko war bei Teilnehmern mit dem höchsten Bio-Lebensmittelkonsum um 25 Prozent geringer als bei Teilnehmern mit dem geringsten Verzehr an Bio-Kost, schreiben die Forscher im Fachmagazin „Jama Internal Medicine“.

„Der gefundene statistische Zusammenhang ist überzeugend genug, um dieses Thema weiter zu erforschen“, sagt Kühn vom DKFZ. Die Studie allein liefere aber keine überzeugenden Beweise, um zur Krebsvorsorge auf Bio-Lebensmittel umzusteigen.

Die Forscher erklären den schützenden Effekt vor allem mit dem geringeren Gehalt an Pestiziden in Bio-Lebensmitteln. Das klingt zunächst einmal schlüssig: Von einige Pestiziden ist bekannt, dass sie das Krebsrisiko erhöhen. Und Bio-Lebensmittel weisen Untersuchungen zufolge weniger Pestizidrückstände auf als konventionell erzeugte Lebensmittel, weil im Ökolandbau der Einsatz dieser Mittel weitgehend verboten ist.

Kritik an der Studie

„Die Reduzierung der Lymphome wäre mit dieser Pestizid-Hypothese grundsätzlich konsistent“, sagt Heiner Boeing vom Deutschen Institut für Ernährungswissenschaft in Potsdam-Rehbrücke (DIfE). Auch für Brustkrebs hält der Ernährungsforscher einen Zusammenhang aufgrund der hormonähnlichen Wirkung einiger Pestizide für grundsätzlich plausibel.

Aber: War die Pestizid-Belastung bei den Bio-Fans unter den Teilnehmern tatsächlich geringer? „Dafür liefern die Forscher keinen empirischen Beweis“, kritisiert ein Forscherteam um Frank Hu von der Harvard University (Boston/USA) in einem Kommentar zu dem Artikel.

„Eigentlich hätten die Forscher die Pestizid-Belastung im Blut messen sollen, dann wäre der Zusammenhang eindeutiger“, sagt auch Kühn vom DKFZ. „So besteht auch die Möglichkeit, dass andere Faktoren, wie etwa ein allgemein gesünderer Lebensstil, für den beobachteten Effekt verantwortlich sind – auch wenn die Forscher wichtige bekannte Risikofaktoren herausgerechnet haben, etwa das Rauchverhalten.“

Hinzu kommt: Auch bei herkömmlichen Lebensmitteln liegen die Pestizid-Rückstände in Deutschland und der EU in den allermeisten Fällen innerhalb der festgelegten Grenzwerte. Dem aktuellen Bericht der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) zufolge war mehr als die Hälfte der fast 85 000 im Jahr 2016 stichprobenartig getesteten Lebensmittel vollständig frei von Pestizid-Rückständen, mehr als 96 Prozent lagen innerhalb der Grenzwerte. Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittel meldet für 2016 bei 1,7 Prozent der Proben aus Deutschland Überschreitungen der Pestizidrückstände.

Die Ergebnisse der französischen Forscher können theoretisch bedeuten, dass die Grenzwerte, die für sicher gehalten werten, nicht wirklich sicher sind und neu bewertet werden müssen, erläutert Ernährungswissenschaftler Boeing. Dieser Schluss sei aber sicher vorschnell, solange der in der Studie gefundene Schutz von Bio-Lebensmitteln nicht mit einer gleichzeitigen Messung von Pestizidrückständen in Blut oder Urin in Zusammenhang gebracht werden kann.

Mehr Forschung sei in diesem Bereich dringend nötig, weil Lebensmittel mit Pestizidrückständen verbreitet konsumiert würden, schreibt das Team um Frank Hu in seinem Kommentar.

Derweil liefern wissenschaftliche Studien nur für einige wenige Lebensmittel Hinweise darauf, dass sie das Krebsrisiko beeinflussen. „Der häufige Verzehr von rotem Fleisch wie Rind oder Schwein wird mit einem erhöhten Darmkrebsrisiko in Verbindung gebracht, ein hoher Ballaststoff-Anteil in der Nahrung etwa aus Vollkornprodukten scheint davor hingegen zu schützen“, erläutert Kühn.

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Das empfehlen Experten

Die internationale Krebsforschungsorganisation World Cancer Research Fund (WCRF), die wissenschaftliche Informationen über den Zusammenhang zwischen Ernährung, Gewicht sowie körperlicher Aktivität und Krebs sammelt und bewertet, rät nicht mehr als 3 Portionen rotes Fleisch pro Woche zu essen, etwa 350 bis 500 Gramm. Auf stark verarbeitete Produkte wie Wurst und Würstchen sollte man bestenfalls ganz verzichten.

Abseits einzelner Lebensmittel oder Lebensmittelgruppen gebe es im Bereich Ernährung einen vermeidbaren Risikofaktor, der nachweislich das Krebsrisiko beeinflusse, sagt Kühn: Übergewicht. „Etwa 6 bis 7 Prozent der Krebsfälle lassen sich auf Adipositas zurückführen.“ Der Einfluss sei über verschiedene Krebsarten hinweg feststellbar.

Warum Dicksein Krebs macht, dazu lieferte jüngst eine im Fachmagazin „Nature Immunology“ veröffentlichte Studie neue Hinweise. Die Forscher aus Irland und den USA zeigten in Zell- und Tierversuchen, dass überschüssiges Fett die natürlichen Killerzellen (NK) lahmlegt. Diese Blutzellen sind Teil des angeborenen Immunsystems. Sie attackieren Tumorzellen oder auch mit einem Virus infizierte Zellen. Das Verklumpen hindert die NK-Zellen zwar nicht daran, Krebszellen zu erkennen – aber sie können sie nicht mehr vernichten.

In nachfolgenden Untersuchungen gelang es den Forschern, die Zellen neu zu programmieren und deren krebsbekämpfenden Eigenschaften wiederherzustellen. Trotz dem gestiegenen öffentlichen Bewusstsein, seien noch immer viel zu viele Menschen übergewichtig, sagt Studienleitern Lydia Lynch vom Brigham and Women’s Hospital in Boston (USA). „Es ist von daher dringend nötig, zu verstehen, auf welchen Wegen Übergewicht Krebs und andere Erkrankungen auslöst und neue Strategien dagegen zu entwickeln.“

Dass zu viel Körperfett das Risiko für bestimmte Formen des Brustkrebses erhöht, fanden kürzlich Forscher um Andrew Dannenberg vom Weill Cornell Medical College in New York. Sie hatten Frauen untersucht, deren Body-Mass-Index (BMI) zwischen 18,5 und 24,9 lag. Sie galten also nach gängiger Definition als normalgewichtig. Dennoch unterschieden sich die Frauen im Hinblick auf den Fettanteil im Körper insgesamt und im Rumpf – und dies beeinflusste ihr Brustkrebs-Risiko.

Mit jedem Anstieg der Fettmenge am Rumpf um fünf Kilogramm erhöhte sich das Risiko für invasiven Brustkrebs um 56 Prozent, berichten die Wissenschaftler im Fachblatt „Jama Oncology“. Der erhöhte Fettanteil am Rumpf brachte anscheinend den Stoffwechsel durcheinander. So stieg im Blut etwa der Gehalt an Insulin, verschiedenen Blutfetten oder bestimmten Entzündungsbotenstoffen.

Wer sein Krebsrisiko mit der Ernährung beeinflussen möchte, sollte den derzeitigen wissenschaftlichen Erkenntnissen zufolge in erster Linie Übergewicht vermeiden oder bekämpfen. Gut 30 000 Fälle von Krebs dürften nach Angaben des Deutschen Krebsforschungszentrums im Jahr 2018 auf zu hohes Gewicht zurückzuführen sein. Insgesamt seien 165 000 Krebsfälle in Deutschland vermeidbar – durch Rauchverzicht, gesündere Ernährung oder mehr sportliche Aktivität zum Beispiel.

Das Umsteigen auf Bio-Lebensmittel dürfte da eine – wenn überhaupt – eher untergeordnete Rolle spielen, sagt DKFZ-Forscher Kühn. „Es gibt viele gute Gründe, Bio-Lebensmittel zu kaufen und zu essen. Aber sein Krebsrisiko darüber zu senken – das halte ich derzeit noch für unzureichend bewiesen.“