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Die schönsten, längsten 21 Kilometer der Welt

„Quäl dich, du Sau“

Quantentheorie? NEIN! Eher ein: Wie schaffe ich die 21 Kilometer Halbmarathon bloß?!Foto: SPORTOGRAF
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Pinke Dixi-Klos, pralle Sonne, peinlich hoher Puls. Ein Pulk von 37.000 Läufern. Dazwischen Panik. Aus meinem Bein wurde die Pein. Und nach 21 Kilometern ohne Pause hätte ich Berlin auch mit P geschrieben. Plöd? Vielleicht. Aber vor allem Matsch und Pudding. Und: Peflügelt! Pegeistert! Peglückt und peseligt! Der 38. Berliner Halbmarathon war mein erster (und letzter?!) ...

Immer noch halb glühend sitze ich – am Tag danach – vor meinem Rechner und schwebe noch im Halbmarathon-Fieber. Huiuiui – das war was: Schon das Event an sich ist so einmalig, dass ich eigentlich durchgehend nur baff war (und zwischendurch echt vergaß zu laufen – vielleicht erklärt das meine Zeit – Ausrede 1!). Zum 38. Berliner Halbmarathon gab es die unglaubliche Rekordanmeldezahl für einen Halbmarathon von – 36.999 – Verrückte und ich. So viele pinke DixiKlos wie noch nie! Hunderte – und faszinierend lange Schlangen davor – faszinierend viele Menschen, die alle denken, sie müssen nochmal aufs Klo – obwohl sie erst vor fünf Minuten waren. Ein Hoch auf diesen Wahnsinnsapparat Eventmacher SCC – dessen Denker sogar die Einbildungen der Läufer mit in ihre Organisation einbeziehen. WOW!

Wir starten den Halbmarathon in Blöcken. Ich bin E wie eher von der langsamen Sorte. Da bleibt auch noch Zeit für lustige Pics von ähhh…Foto: Anna Meran

Vor lauter Klo-Staunen und Erinnerungsschwelgen verpasse ich meinen Start beinahe. Wir gehen nämlich in Blöcken los, ich bin Startblock E (eins nach Beginner und auch das eine Selbstüberschätzung, wie ich später schmerzlich feststellen muss). Jetzt noch schnell die 360-Grad-Kamera auf ON und aufs Handy gesteckt. Dann in meiner seitlichen Armtasche verstaut. Das ist alles enorm wichtig, weil es zeigt, was ich neben dem Lauf für eine unglaubliche technische Herausforderung zu bewältigen habe (Ausrede für schlechte Zeit, 2)!

Drei, zweiiii, eiiinnsss! Und los! Tönt es durch die Lautsprecher. Ich stehe in cooler Startpose, hochmotiviert! 360-Grad-Kamera (siehe Video unten!!) mit ausgestrecktem Arm über mich haltend uuund: NIX. Alle gehen! Es beginnt total gechillt. Der Riesenpulk an Menschen muss sich erst mal in Bewegung setzen. Sich verteilen. Hatte ich gar nicht am Schirm. Und auch jetzt bin ich schon wieder abgelenkt, weil neben mir zwei oberverrückte Hühner kichernd als maskierte Superheldinnen herumhüpfen. Das muss ich leider noch festhalten. An die Zeit denke ich jetzt noch gar nicht (Ausrede 3).

https://vimeo.com/266076197

Der Pulk setzt sich langsam in Bewegung, läuft dann doch recht schnell los. Links und rechts zischen die Menschen an mir vorbei. Halleluja, das kann ja heiter werden. Das ist hier ein ganz anderer Schnack als die fünf Kilometer B2Run letzten September in Köln:  Auch da waren es echt viele – 23.000 wenn ich mich recht entsinne – aber nicht so profimäßig wie hier. Das merke ich sofort. Der Lauf in Köln war eher ein Spaßlauf. Ach ja – und Magdalena Neuner ist an mir vorbeigelaufen. Damit konnte ich ganz gut leben…

Zurück in der Gegenwart: Ich versuche, mich an irgendjemand meines Kalibers zu halten, aber ALLE sind zu schnell. Den eigenen Rhythmus finden und halten – tönt es mir durch den Kopf. So stand es überall! Und auf die Uhr schauen. Hm – doof. Hab ich jetzt neben Handy-, Selfie- und 360-Grad-Gedöns tatsächlich vergessen. Dann muss es halt so gehen. Ich weiß ja, wie schnell ich laufen muss! Das spüre ich doch! So denke ich…

Start ist gleich Ziel: Die Route des Berliner Halbmarathons führt einmal um die gesamte Innenstadt. Der Weg ist gesäumt mit Tausenden von Plastikbechern, coolen Bands und neon-beleuchteten Tunnels:

Die ersten fünf Kilometer laufen ganz gut. Aber den echten Rhythmus habe ich noch nicht wirklich gefunden. Das dauernde Überholen von irgendwelchen Nasen nervt mich. Ich platziere mich rechts am Rand, das hilft schon ein bisschen, weil ich wenigstens nur noch von einer Seite überholt werde. Dass ich viel zu schnell laufe für meine Verhältnisse, kommt mir nicht in den Sinn.

Brandenburger Tor: die ersten Kilometer laufen gut. Wenn ich nicht DAUERND überholt werden würde…Foto: Sportograf

BRANDENBURGER TOR: Das muss 360 Grad aufgenommen werden! Unbedingt! Geil! Ich bin voll drauf. Juble in die Kamera. Doch: ah – beim wieder Reinstecken in mein „Super-Impro-Case“ rutschen Handy samt Mega-Kamera aus meiner Hand und zerschellen auf der Straße. Ich brauche kurz, um zu checken was los ist, dann bücke ich mich verzweifelt und greife nach den teuren Geräten, während von allen Seiten die Menschen ausweichen. Was für ein Horror! Puh, geht noch mal gut: Handy leicht angeschrammt, Kamera läuft noch. Ein kleiner Adrenalin-Stoß (und ein weiterer Zeitverfall – Ausrede Nummer 4). Jetzt laufe ich noch mal schneller.

Bis Kilometer acht. Zum ersten Mal sehe ich mich um und merke, dass ich in der falschen Gruppe laufe: Um mich herum sind nur die D-Starter, die unter zwei Stunden laufen wollen. Hm.

Kilometer zehn, ungefähr beim Charlottenburger Schloss. Eigentlich ganz nett anzusehen. Heute nicht. Ich sehe es schon lange vor mir – aber wie eine Fata Morgana will es einfach nicht näher kommen. Und dazu geht es gaaanz leicht, fast unmerklich bergauf. FAST! Das ist das Schlimmste für mich. Ich merke, wie mein Atem nicht mehr mitkommt. So schnell darf er nie werden – wenn man noch nicht mal die Hälfte geschafft hat. Annahhh.

Beim Charlottenburger Schloss bin ich überzeugt, dass ich diesen Lauf nicht überstehen werde. Mir ist heiß und kalt gleichzeitig, mein Kopf glüht. WASSER! Gott sei Dank kommt eine Trinkstation. Ich werde langsamer, will zusammenklappen. Und dann: nein: Es gibt so komische Gelpäckchen, KEIN WASSER. „Später“,  sagt einer, und ich möchte ihm ehrlich eine scheuern. Von diesem Gelzeug wird einem nur schlecht – lass das lieber, sagt mein Marathon–Idol und Berater, der schon alles gelaufen ist, was es gibt plus Triathlon und Pipapo. Der Halbmarathon ist für ihn die Würstchen-Disziplin.

Völlig am Ende – leider erst bei Kilometer 10. Ob ich das schaffe?!

Wie eine Wurst fühle ich mich gerade auch. Eine gegrillte. Die Sonne brennt vom Himmel-der erste schöne Tag in Berlin dieses Jahr – ach wärst du nur morgen gekommen, Sonne! Ich bin total kirre im Kopf. Weiter, einfach weiter. „Du musst Dich durchkämpfen, wenn’s nicht mehr geht“ – die Stimme aus dem Off. Also kämpfe ich mich als Grillwürstchen weiter. WARUM noch mal?!?! HMMmmm. Schon auch eine Frage, die man sich stellen könnte.

Das Gelpäckchen kommt in den Mund. Trotz Warnung des Laufpropheten. Jetzt ist es WURST – entweder ich brech zusammen oder ich kotze halt oder ich scheide aus. Ihr könnt mich alle am Abend besuchen mit den ganzen schlauen Tipps ausm OFF! Vorsichtig nibbel ich an der Paste. Das Zeug geht mit trockenem Mund schwer runter. Ich habe das Gefühl, es klebt an meinem Gaumen fest. Schlucken, einfach schlucken. Geschafft. Ganz schön ekelhaft – schmeckt wie giftgrüner Glibberschleim. Bah. Egal.

Und dann das langersehnte … WASSER! Ziemlich schnell nach dem Glibberzeug, so kurz vor dem Potsdamer Platz wie eine Erleuchtung.

Und so leicht geht das: Glibberzeug rein, Wasser drauf, Wasser über den Kopf, Wasser ÜBERALL hin, scheiß auf die Technik. Wird’s schon überleben. Wasserdusche: JAHH – auch noch drauf. Nur her damit!

Ungefähr so fühle ich mich nach der langersehnten Gelzeug- und Wasser-Rettung!Foto: Madlen Krippendorf

Und so trete ich in meine eigene Fantasy-Turbo-Boost-Welt ein: Plötzlich läuft sie von selbst. Ich bin jetzt ihr Zuschauer. Und sie läuft rechts an gefühlt Hunderten vorbei. Einfach so. Sie spürt nur Freiheit und NIX. Kilometer 16, Kilometer 17, Kilometer 18.

Genau JETZT endet der „Anna im Wunderland“-Tunnel. Abrupt schleudert es mich in die Wirklichkeit zurück – eine stark riechende Frau (ihr Geruch hallt immer noch in meinem recht angegriffenen Magen nach) hat mich geschnitten und rausgeholt. Ich spüre wieder. ALLES: meine Beine, meine Schultern, den schweren, überhitzten Kopf und die schon leicht pochende Stirn.

Ich werde langsamer, viel langsamer. Die Massen laufen wieder an mir vorbei. Ich spüre, wie die Kraft regelrecht aus mir rinnt – wie Wasser. WASSER! O.k. O.k. Puh.

NEIN! Drei Kilometer noch. „Ich schließe kurz die Augen (Risiko umgerannt zu werden miteingerechnet), hole tief Luft, befehle meinem Puls, sich zu beruhigen. Und laufe schneller. Die 19 hab ich schon überlaufen. Jetzt noch zwei. Links und rechts schreien die Menschen uns zu. Es sind jetzt richtig viele. Ich sehe ihnen in die Augen und befülle mich mit ihrer Energie. Drei Kinder klettern auf die Absperrung, bücken sich darüber und schreien: „Annaaaaa, du schaffst es!“

Das ist so ein Wahnsinnsgefühl! Ich fliege.

Hochmut kommt vor dem Fall. Zu früh gefreut. Zwei Kilometer sind zwei Kilometer. Das habe ich jetzt wieder unterschätzt und so lange kann ich nicht rennen. Ich merke, wie mir die Luft ausgeht und muss noch mal langsam werden. Sooo kurz vor dem Ziel. Bitte nicht, das ist jetzt sogar mir peinlich.

Das Ziel zu sehen hilft. Mir jedenfalls (erstaunlich viele geben wie ich feststellen muss noch so kurz vorher einfach auf. Es ist ein trauriger Anblick – die Leute schleppen sich teilweise nur noch ins Ziel). Die letzten 300 Meter reiße ich mich zusammen, vergesse den jetzt wirklich schmerzenden Rücken und gebe noch mal Vollgas. „Quäl dich, du Sau“ – das schreie ich mir innerlich zu – so wie Udo Bölts bei der Tour de France 1997 Jan Ullrich zum Sieg trieb – und LOS.

Ich werde belohnt! Im Zickzack renne ich an den anderen Läufern vorbei, stolpere fast, alle feuern mich an – zumindest in meinem Kopf – und dann —- ZIEL! Mit dem Handy in der Hand. Die 360 Grad Kamera ist leider tot. Ich auch. Aber im Ziel!

ZIEL: ohne Worte. Egal wie langsam oder schnell. Das ist geil!Foto: SPORTOGRAF

YES! Wie geil ist das?!?!

Zeit: 2 Stunden 23 Minuten

Topfit und glücklich: Mein Post-Lauf-Ekstase-Zustand. Von dem sich anbahnenden Sonnenstich noch keine Spur…Foto: privat

Es ist, wie es ist: Eine Scheißzeit ist einfach nicht glorreich (ah ja ich vergaß – war natürlich auch GAR nicht trainiert – Ausrede 5) – aber ich bin SO WAS von stolz, dass ich es überhaupt gepackt habe, die Zeit ist mir fast WURST! Ich bin das glücklichste gegrillte Würstchen aller Zeiten – mindestens so glücklich wie der Kenianer Erik Kiptanui mit seinen knapp 59 Minuten (Halleluja! Ich war mehr als doppelt so langsam wie er. Schwamm drüber) und wie Jan Ulrich 1997.

The END?! Mal sehen (Ausrede Nr. 6 – FOLGT, vielleicht nächstes Jahr zum SportScheck Run in Dresden oder Freiburg, oder doch der ganze …)


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